Start Lifestyle „Cottage für 398.000 £ zu verkaufen“

„Cottage für 398.000 £ zu verkaufen“

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Cottage mit Blumen

Heutzutage ein Cottage zu besitzen ist gleichzusetzen mit einem Statussymbol

Ein wahres 2-Raum-Schnäppchen ist das heute in England. 470.000 Euro legt man hier für ein halbwegs ordentliches Cottage hin. Wie sollte ich einem bitterarmen Moorbauern aus dem 19. Jahrhundert klarmachen, dass seine Hütte heute eine sechststellige Summe wert ist? Erstaunlicherweise sind diese „Hütten“ gar nicht lange auf dem Immobilienmarkt, im Gegenteil, sie werden häufig als Zweitwohnsitz oder Wochenendrefugium gekauft. Wer in England, Wales, Schottland kann sich solch ein Kleinod leisten?

Warum miete ich mir im Urlaub in England kein Hotelzimmer und auch keine Ferienwohnung, sondern ein Cottage?

Granithaus mit schwarzem Eingang und Butzenscheiben, Lydford, Devon
Cottage in Lydford / Dartmoor / Devon

Es versetzt mich ein wenig in das Landleben mit seiner malerisch-ländlichen Idylle, wenngleich ich etwas schummle und die verwöhnenden „mod Cons“, moderne Errungenschaften wie Heizung, gutes Bett und WLAN mehr als willkommen und hochpreisig entgegennehme.

„Wenn ein Mann an einem Tag ein Haus bauen kann und es schafft, bis zum Abend ein Feuer im Herd zu entzünden, kann er das Haus und das Land, auf dem es steht, zu seinem Eigentum erklären“. Na? Wie würde sich da unsere heutige Hausbesetzerszene freuen, gäbe es die englischen „squatter’s rights“ noch.

Natürlich hatten die damaligen bescheidenen Hütten nicht den Komfort des 21. Jahrhunderts, aber etwas hatten sie auf jeden Fall: eine idyllische Lage mitten in den Moors mit meist fantastischen Ausblicken. Damals sahen die meisten diese Vorzüge anders. Dartmoor betrachtete man eher als „Verschwendung“ von Land und die Moorbewohner als „dumme Bauern“, von denen man sagte, hin und wieder könne man jedoch „ein sauberes Gesicht finden, das so selten ist wie ein trockener Tag in Dartmoor.“

Doch auch damals gab es schon so etwas wie Fans der Cottages. So schreibt eine Lady um 1830. „Ein Devonshire Cottage, wenn auch nicht sehr modern, ist das süßeste Objekt, das ein Dichter, Künstler oder Liebhaber der Romantik sich wünschen kann zu sehen.“ Wenn das nicht in eine Immobilienanzeige gehört!

Cottage mit Hortensien in Dorseet
Cottage in Stockland / Dorset

Ein Streiflicht in die Geschichte der Cottages

Nun, die Zeiten haben sich definitiv geändert. Lass uns einen Blick in die Geschichte werfen.

Der Vorläufer der späteren Cottages war das Longhouse, das es schon im Mittelalter gab. Aus dem örtlich vorhandenen Material gebaut, wurde es sozusagen aus seiner Umgebung errichtet. Gab es in der Gegend Granit, so wurden die Steinwände mit Granit hochgezogen, an anderen Orten wiederum aus Lehm oder Eiche. Daher passen sie sich auch sehr gut in die Landschaft ein. In Dartmoor findet man daher meist Cottages aus Granit. Die Hälfte des Hauses bewohnte die Bauernfamilie, die Cotter, die andere Hälfte diente dem Vieh als Stallung, shippon genannt. Im von Menschen bewohnten Teil war eine bescheidene Küche untergebracht, und darüber war eine Schlafstätte über eine Leiter zu erreichen. Die Ställe im anderen Teil des Hauses waren mit einem Ablauf für Gülle versehen, die so direkt nach außen ins Moor abfließen konnte. Daher stehen die Cottages häufig so am Abhang oder auf einer Anhöhe, dass oben das Wohnhaus ist und unten die Ställe sind. Bei dem Gedanken, Vieh und Mensch unter einem Dach zu beherbergen, mag mancher die Nase rümpfen. Es hatte aber durchaus Vorteile. Die Körperwärme der Tiere in menschlicher Nähe erleichterte das Heizen im Winter. Zum Füttern und Melken mussten die Bauern nicht in die stürmische Nässe nach draußen. Später zog man feste Mauern zwischen den beiden Bereichen ein. Die frühen Longhouses hatten keinen Kaminabzug, der Rauch vom Herdfeuer diffundierte durch das Reetdach. Die Fenster waren winzig oder es gab fast keine, sodass das Innere der Hütte sehr dunkel war. Wie genau ein früheres Longhouse, ein Cottage, aufgebaut war, kannst du dir sehr schön im Video der Dartmoor National Park Authority über Uppacott ansehen, eines der wenigen Longhouses aus dem Jahre 1350, die noch unverändert bestehen. Du kannst die einfache Hausaufteilung auch bei dem verlassenen mittelalterlichen Dorf bei Hound Tor sehen. Später wurden diese Häuser durch Anbauten vergrößert oder indem ein zweiter Stock eingezogen wurde, man baute zudem Kamine und Treppen ein.

Farmhaus in Stockland Dorset
Cottage in Stockland / Dorset

Viele Cottages fielen einst den Schafweiden zum Opfer

Auf jeden Fall waren die Cottages einfachste Behausungen, von denen man viele abriss, als die Schafzucht in Mode kam und man das Land für Weideland brauchte. Speziell nach der Pest 1348 hatte England die Hälfte seiner Bevölkerung verloren und Ackerland lag mangels Arbeitskräften brach. Der Eigentümer des Landes, der Lord, konnte einigen Gewinn daraus retten, indem er den damaligen  steigenden Wollpreis nutzte und auf den neu entstandenen Weiden Schafe grasen ließ. Es bedurfte weniger Schafhirten, um den Betrieb am Laufen zu halten im Gegensatz zum personalaufwändigen Ackerbau. So wurden etliche Dörfer mit vielen Cottages dem Erdboden gleich gemacht, nur die Kirche ließ man noch stehen. Die meisten der mit Halbfachwerk versehenen Cottages, die wir heute sehen, wurden zwischen 1550 und 1650 gebaut.

Die Cottages der Weber und Minenarbeiter, die ab dem 18. Jahrhundert infolge der Industrialisierung entstanden sind, bezeichnet Friedrich Engels in seiner Abhandlung Die Lage der arbeitenden Klasse in England als „qualitativ armselige Behausungen“.

Farmhaus aus Granit mit rotem Laub Geißblatt Lydford Devon
Cottage nahe Brentor / Dartmoor / Devon

Ein Recht, sich Land zu nehmen

Eine Praxis der Kleinbauern, die seinerzeit in den sogenannten „squatter’s rights“ festgelegt war, dürfte die heutige Hausbesetzerszene in Jubel versetzen, gäbe es sie heute noch. Das Recht besagt: Wenn ein Mann an einem Tag ein Haus bauen kann und es schafft, bis zum Abend ein Feuer im Herd zu entzünden, kann er das Haus und das Land, auf dem es steht, zu seinem Eigentum erklären“.

Das Jolly Lane Cottage in Hexworthy, das an einem Tag erbaut wurde, ist ein solches Beispiel, das heute übrigens 477.000 £ (566.000 Euro) wert ist.

Wie guter Wein, so altern englische Cottages mit  Würde und Schönheit

Die Geschmackswandlung zu einer malerischen, ländlichen Idylle machte in den vergangenen 200 Jahren aus einer ehemals armseligen Hütte oder Schuppen eine charmante, romantische Herberge. Gemütlich und einladend, gleichermaßen ausgeglichen in Stil, Komfort und Funktion, so würde man heute ein Cottage im Immobilienanzeiger anpreisen. Liegt das Goldstück noch dazu an einem Fluss, See  oder einem anderen Gewässer, steigt die Preislage umso höher. Heutzutage ein Cottage zu besitzen, ist gleichzusetzen mit einem Statussymbol, besonders dann, wenn man es sich leisten kann, es lediglich als Wochenendhaus zu nutzen, kein neues Gebäude kann mit solch einem Jahrhunderte alten Juwel konkurrieren.

Doppelbett in Cottage Kommode
Cottage in Stockland

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