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Die glorreichen Tage der Küstenferien in Großbritannien

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Britischer Pier Strandurlaub England Sonnenuntergang
Bild: Tom Podmore - Unsplash

Eine nostalgische Reise in die Sehnsucht nach dem Meer

Wann immer ich an Englands Küsten Zeit verbringe, fallen mir die Horden von Briten auf, die nur für das Wochenende zu Badeorten wie Blackpool oder Brighton fahren, sich dort in ein Hotel einmieten, abends Bingo spielen oder sich eine Show ansehen. Kein Regenwetter scheint sie davon abzuhalten und auch nicht die zum Teil horrenden Hotelpreise. Das muss demnach ein echt englisches Ding sein.

Poster 50er Jahre Badestrand Holiday Camp England
Werbeposter für den Strand South Shields, England; Bild: Tyne & Wear Archives & Museums

Von Aufschwung zur Tradition: Die Entwicklung der typischen britischen Badeurlaube

Englischer Strand Weston-super-Mare Badende in Kleidern
Im Jahr 1801 hatte Weston-super-Mare nur 138 Einwohner. Zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Fotos hatte sich der Ort zu einem wohlhabenden und beliebten Badeort entwickelt, der 1841 per Eisenbahn mit dem nahe gelegenen Bristol verbunden wurde. Die Flachbodenboote, die hier zu sehen sind, bringen die Besucher zu kurzen Vergnügungsfahrten, während viele Frauen unter Regenschirmen Schutz suchen, da das Bräunen sehr unmodern war. Bild: Wikimedia Commons

So richtig in Schwung kamen die Ferien am Meer in Großbritannien in der Nachkriegszeit, also in den 1950ern und 1960ern. Bereits in den 1950er Jahren verbrachten 15 Millionen Briten ein bis zwei Wochen Ferien im Jahr an der Küste. Dies war erst möglich, nachdem es den 1938 verabschiedeten „Pay Act“ für bezahlten Urlaub gab. So konnten sich Angestellte und Arbeiter überhaupt erst Urlaub leisten. Immer noch arbeitete man ansonsten sechs Tage die Woche.

Schwarz weiß Bild Kinder am Strand spielen im Boot in England
Kinder am Strand von South Shields, August 1950; Bild: Wiki Commons DT, TUR/2/5197K

Sand, Sonne und Spaß an nahen Stränden

Es war klar, dass die Briten diesen Urlaub mehr oder weniger in der Nähe des Heimatortes genossen. Schließlich gab es zu der Zeit kaum Autobahnen, sodass eine Reise von Manchester nach Cornwall oder Torbay eine ganze Tagesreise ausgemacht hätte. Große Staus waren aufgrund der einspurigen Fahrbahnen, fehlender Verkehrskreisel und Ampeln ein großes Thema. Die erste Autobahn wurde nämlich erst 1958 bei Preston eröffnet. So genossen die Engländer um Manchester oder Liverpool ihre Ferien eher in Blackpool oder Morecambe, die Bewohner von Leeds in Scarborough und die Londoner in Brighton oder Margate. Daher erhielt Brighton schließlich auch den Beinamen „London by the Sea“. Bisweilen mieteten ganze Dorfgemeinschaften einen Bus, sodass Frauen und Kinder einmal im Jahr das Wochenende an der See verbringen zu konnten.

In vielen Industriestädten waren 2-wöchige Betriebsferien üblich, d.h. die Fabriken und Betriebe der Stadt schlossen, und so mussten alle Arbeiter ihren Jahresurlaub zur gleichen Zeit antreten.

Feriencamps kamen in Mode

Poster für Feriencamps in England
Poster zum Anwerben von Personal in den Feriencamps, Bild: Wikimedia Commons, unbekannter Künstler, Weiner Ltd, 71/5 New Oxford Street, London WC1 (printer), Her Majesty’s Stationery Office (publisher/sponsor), Ministry of Labour and National Service
(publisher/sponsor)

Ferien im Ausland waren für die meisten Briten noch eher die Ausnahme, man blieb im eigenen Land.  Mancher hatte Glück, bei Verwandten an der Küste unterzukommen, die anderen mieteten sich in einem der Feriencamps ein, wie Butlins oder in einem B&B oder Hotel.

Feriencamps hatten den Vorteil, dass sie Familienaktivitäten und -unterhaltung anboten, für Kinder aber auch am Abend für Erwachsene. Seaside Abendunterhaltung ist eine sehr britische Tradition. In allen größeren Strandbädern engagierte man Entertainer.

Viele reisten mit dem eigenen Caravan an. In einer Art Gemeinschaftshalle bot man dort drei Mal am Tag eine Mahlzeit an. Schwimmbad, Kino, Karussellfahrten und Anlagen zum Rollerscaten waren im Preis inbegriffen.

Bespaßung und Fish und Chips gehörten dazu

Ob nur für das Wochenende oder für zwei Wochen, diese Feriencamps waren eine Flucht vom Alltag. Süßigkeitenstände, diverse Vergnügungsmeilen und Stände mit Meeresfrüchten mit Herzmuscheln oder Wellhornschnecken gehörten ebenso dazu wie eine Riesenrutsche oder der Autoscooter.

zwei Frauen am Tisch mit Becher und Flaschen
Für Unterhaltung und Verpflegung war gesorgt, Bild: Les Anderson – Unsplash

Während die Erwachsenen sich auf gemieteten Sonnenliegen zum Teil hinter einem Windschutz erholten, spielten die Kinder im Sand oder paddelten auf dem Meer. Man konnte auch damals bereits Strandhütten für einen Tag oder auf Wochenbasis mieten, um dem gelegentlichen Regen zu entkommen oder sich die Badekleidung anzuziehen. (siehe mein Bericht über Bathing Machines)

Bunte Strandhütten an der Küste Englands
Strandhütten an der Küste Englands, Bild: Belinda Fewings – Unsplash

Der Bikini machte das Rennen

Da der Bikini 1946 erfunden war, hatte er in England bereits in den 1950ern seine absolute Popularität erreicht. Gehäkelte oder gestrickte Badeanzüge für Kinder waren durchaus noch üblich. Unvorstellbar was geschah, wenn die Kinder damit ins Wasser gingen. Die Herren in Boxershorts schützten ihren Kopf häufig mit dem an 4 Ecken geknoteten Taschentuch. Über Hautkrebs machte sich zu der Zeit noch keiner Gedanken. Viel eher rieb man sich mit Sonnenöl ein, das einem noch die wirklich tiefe Sonnenbräune verschaffte, mit der man die zu Hause gebliebenen Nachbarn beeindrucken konnte.

Schwarz-weiß Bild Männer und Frauen am Strand in Badekleidung England
Sonnenbaden in South Shields, England; Bild: ‚Tyne & Wear Archives & Museums‘

Badeorte gerieten in Verruf

Die britischen Badeorte gerieten etwas in Verruf, als in den 1960ern häufig große rivalisierende Teenagergangs wie die Mods mit ihren Motorrollern oder Rocker mit Motorrädern auftauchten und sich Verfolgungsjagden lieferten. Bekannt wurde hier 1964 ein zwei Tage andauernder Kampf rivalisierender Gangs, der sich entlang der Küste von Hastings zutrug. Der Daily Mirror titelte damals: „Riot Police Fly to Seaside“.

Retro-Charme und Nostalgie: Das Comeback der britischen Seebäder während des Lockdowns.

In den frühen 1970ern begannen dann die Auslandsreisen mit preiswerten Package Tours in südliche Länder wie Spanien, wo Wärme, Sonne und stabiles Wetter garantiert waren. Etwas in Mode kamen die heimischen Strände erst wieder während der Lockdown Zeit, wo man den Begriff der „staycations“ prägte („Stay“ at home „vacations“) oder „holystay‘‘ („holiday“ und „stay“).

Obgleich ausländische Ferienziele den englischen Badeorten weitgehend den Rang abgelaufen haben, boomen Badeorte wie Skegness in den Sommermonaten immer noch.

Torbay Badeort England Boot im Vordergrund, Riesenrad im Hintergrund
Torbay im Südwesten Englands, Bild: Chris Boland

Was Briten als absolutes „Must-have“ für ihren Seaside Holiday ansehen:

  1. Einen Karavan, denn sie beinhalten alles, was der Brite braucht.
  2. Den besten Fish & Chips Shop der Welt
  3. Karussellfahrten – es muss etwas Spannendes sein.
  4. Einen ansehnlichen Küstenstreifen für den Standspaziergang
  5. Eine Zuckerstange – und die nicht nur in Blackpool
  6. Der am wenigsten wichtige Teil für Briten: gutes Wetter, denn amüsieren kann sich ein Brite bei jedem Wetter.

Siehe auch meinen Artikel auf diesem Blog Maritimer Zauber: Die Faszination der britischen Strandhütten

2 KOMMENTARE

  1. Prima Sieglinde.Habe mir den Beitrag zu den Strandhütten eben durchgelesen
    Kennst du „Karambolage“,sonntags 18.30 Uhr auf Arte.Da gab es am 04.06 23 einen Beitrag zu dem Thema Strandhütten.
    Ich habe so gelacht.
    Karambolage vergleicht ja eigentlich Deutsche und Franzosen ….

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