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Tearooms als Keimzelle für Frauenrechte

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Kaffeehaus Tearoom

Was hat der gemütliche Rückzugsort eines Tearooms für eine Tasse Tee, Sandwiches, Scones und Clotted Cream mit Politik zu tun? Was hat es mit der angeblichen „Destabilisierung des Familienlebens durch die Tearooms“, wie es einige Männer damals nannten, auf sich?

Gebäude Häuserfront Tearooms
Oben: Außenansicht des Mad Hatter Tea Room in Greenwich Village “Will O’ the Wisp Tea Room”, 1912 -1925,
Bild: Wikimedia Commons
Unten: Innenansicht, Bild: gleiche Quelle

Der erste Tearoom in London öffnete 1862, und obgleich Tee bis dahin in Europa mittlerweile fast süchtig konsumiert wurde, gab es für Frauen außerhalb der häuslichen vier Wände kaum eine Gelegenheit, Tee zu sich zu nehmen. Weder während des Einkaufs noch während der Reise. In Britannien gab es zwar Kaffeehäuser, doch in diesen war der Zutritt ausschließlich Männern erlaubt. Hier tummelte sich die Presse, wurden Geschäfte abgeschlossen, betrieb man Politik. Frauen waren hier von Rechts wegen ausgeschlossen. Selbst, wenn die Hausherrin zu Hause eine Teegesellschaft geben wollte, konnte sie den Tee nicht selbst im Teegeschäft kaufen. Die Konvention verlangte es, dass sie in ihrer Kutsche wartete, bis ihr Bediensteter den Tee für sie aus dem Geschäft herausbrachte. Tee wurde bis dahin also nur zu Hause serviert, und die Frau hielt man genau dort. Ein Äquivalent zum Kaffeehaus gab es nicht.

Heute ist es schwer vorstellbar, in welch sozialer Isolation die Frauen damals lebten. Sogar noch bis 1910 gab es Restaurants, in denen Frauen ohne männliche Begleitung nicht bedient wurden.

Twining als erster Großhändler

Regale mit Teeboxen
Twinings London – The Strand

Thomas Twining, der durch seine Kaffeehäuser bekannt geworden war, wurde zwar erster Teehändler und Teemischer am Platze, eröffnete jedoch keinen Tearoom, sondern ein Teegeschäft. Obgleich Tee damals das 10 bis 20fache der heutigen Preise kostete, stieg die Nachfrage speziell durch diejenigen Haushalte, die sich das Luxusgut Tee leisten konnten.

Tearooms – ein enormer Schritt Richtung Freiheit

Erst ab 1860 wurden die ersten Tea„Rooms“ eröffnet. Im Vergleich zum Coffee „House“ sieht man bereits am Begriff, wie bescheiden sich diese Etablissements dagegen ausmachten. Häufig waren es auch nur abgeteilte Bereiche des Hauses, für die man kein Kapital benötigte. Und zum ersten Mal war diese Einrichtung ein Unternehmen, das Frauen besaßen, ausstatteten und führten. Bis dahin war dies etwas Einzigartiges. Der erste dokumentierte Tearoom war die Aerated Bread Company, kurz ABC. Bald unterhielt ABC 250 Filialen, die eher von Frauen als von Männern frequentiert wurden.

Die ABC-Tearooms hießen als öffentlicher Ort Frauen willkommen, und sie waren zudem preiswerter als Restaurants. Margery Corbett Ashby nannte sie „an enormous move to freedom”. Die Tearooms boten den effektivsten Raum an Autonomie, Sicherheit und Seriosität für Frauen

Berufstätige Frauen als Kunden im Tearoom

Die idealen Kunden für diese Art Tearooms und Teeläden waren unter anderem berufstätigen Frauen, denn diese traten immer mehr in den Arbeitsmarkt ein. Bereits 1920 war mit der Erfindung der Schreibmaschine Büroarbeit eine Frauendomäne. In dem Maße wie die Wirtschaft wuchs, vermehrten sich Dienstleistungsjobs für Frauen. Kaufhäuser besetzte man hauptsächlich mit Verkäuferinnen, den „shop girls“, wie man sie damals nannte. Durch den Bedarf an Erfrischungen wuchs auch das Angebot an Tearooms im Umfeld des Arbeitsbereichs der Frauen. Sie konnten diese Räumlichkeiten ohne männliche Begleitung aufsuchen, und nicht zuletzt fanden Frauen hier auch Toiletten, was bisher im öffentlichen Bereich äußerst schwierig war.

Diskrete Orte für konspirative Treffen

Welcher Ort wäre besser geeignet gewesen als dieser, wenn man Gruppen für die Frauenrechte organisieren und mobilisieren wollte? Ein Ort ohne Männer. Hier betrieben die Frauen Networking.

Kate Frye, eine britische Schauspielerin und Organisatorin für eine Gruppe von Suffragetten, schrieb 1911 in ihrem Tagebuch: „Ich kam herein, aß mein Mittagessen [im Speisesaal des Hotels] in Gesellschaft von vier Autofahrern. Es ist schon komisch, wie die Männer hier reinkommen, mich sehen und wieder abhauen, und ich höre draußen geflüsterte Gespräche… vielleicht haben sie noch nie eine Frau gesehen – aber ich nehme an, [es ist ein komischer Ort, um eine zu finden.“]

Flyer Frauenrechte London Votes for Women
Flyer für die Demonstration der Suffragetten am 10. November 1910. Die darauffolgenden Ereignisse auf dem Parliament Square sind auch als Black Friday bekannt, Bild: Wikimedia Commons

Als Basis für die neue Art der Frauengemeinschaft diente unter anderem auch Alan’s Tearoom. Eigentlich führte Marguerite Alan Liddle den Tearoom, ihr Bruder Alan jedoch diente als Strohmann und führte ihn nach außen. Sie annoncierte in der politischen Frauenzeitschrift der WSPU, Women’s Social and Political Union, Votes for Women. Ihre Schwester Helen Gordon Liddle war die erste Frau, die wegen Einwerfens von Fenstern aus Protest zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Auch nach dem landesweiten Sternmarsch der Suffragetten 1913 nach London, der sogenannten „Great Pilgrimage“, an dem 50.000 Frauen teilnahmen, stärkten sich etliche Teilnehmerinnen in Alan’s Tearoom mit Dinner und sicher auch mit etlichen Tassen Tee.

Poster Zwangsernährung im Gefängnis Suffragette Krankenschwestern
Zwangsernährung der bei Frauendemos für das Frauenwahlrecht inhaftierten Frauen im Hungerstreik, Bild: Alfred Pearce, nom de plume « A Patriot », Public Domain, via Wikimedia Commons

Landesweite Treffen der Frauenbewegung in Tearooms

Überall im Land trafen sich Mitglieder der WSPU in Tearooms wie Fenwick’s Café in Newcastle, in Morley’s Café in Nottingham, dem Tea Cup Inn in der Portugal Street in London. Letzteres annoncierte ebenfalls in Votes for Women.

Auch der Lyon’s Tearoom in London war durchaus ein Standort in der Frauenbewegung, wie man in Kate Fryes Tagebuch „Campaigning for the Vote“ liest: „Ich ging zu Lyons und trank einen Kaffee und aß ein Sandwich. Neben wem sollte ich sitzen, außer Miss Ada Moore [eine Schauspielerin und aktives Mitglied der WSPU] und zwei Damen, die zum Kampf bereit waren. Ich wundere mich, dass ich nicht als eine von ihnen verhaftet wurde – denn bald merkte ich, dass ich für die Rolle passend gekleidet war. Ein langer Ulster-Mantel, ein leichter Hut und ein Schleier waren das richtige Kostüm – keine Tasche, keine Handtasche, kein Regenschirm oder sonstiges Zubehör. In meiner Manteltasche hatte ich nur genug Geld, um nach Hause zu kommen – den Rest hatte ich in meinen Koffer gepackt. Den Schlüssel hatte ich um den Hals hängen. Es war furchtbar aufregend – man fühlte sich wie ein roter Revolutionär.“

Abstinenzbewegung als Ausgangspunkt

In vielen Gebieten Britanniens entwickelte sich die Frauenbewegung aus den „Temperance Societies“, der Abstinenzbewegung, heraus. „T-Total“ Treffen, so nannte man sie, waren häufig nichts anderes als große Tea Partys in Tearooms, bei denen Frauen, die jede Menge Tee ausschenkten, die Gelegenheit ergriffen, ihre Anti-Alkohol-Botschaft an die Frau zu bringen. „Der Becher, der beglückt, aber nicht berauscht“ predigte man den Gästen in den Tearooms. Wenn man bedenkt, dass zur damaligen Zeit Kaffee, Gin und Ale zum Frühstück eingenommen wurden, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Frauen zur Abstinenzbewegung zusammenfanden, und Tee für so manche Familie ein Segen war. Und wenn die Frauen schon einmal zusammensaßen, ging es auch schon bald um das Frauenwahlrecht.

Frauen werden Unternehmerinnen

Wenn man bedenkt, dass mit der Heirat eine Frau vom rechtlichen Standpunkt her in den Besitz des Mannes überging, so wird klar, wie schwierig sich eine Selbständigkeit für die Eröffnung eines Tearooms gestaltete. Das Gesetz besagte: …“Durch die Eheschließung sind Mann und Frau rechtlich eine Person, d.h. die rechtliche Existenz der Frau wird durch die Ehe aufgehoben…“. Sie konnten also kein Restaurant leiten, keine Geschäftskredite beantragen, keinen Alkohol ausschenken und sich nicht an der Kaffeehauskultur beteiligen.

Wirtschaftswachstum und zunehmende Mobilität jedoch machten es dennoch möglich, dass Frauen einen kleinen Teil ihres Hauses oder einen bescheidenen angemieteten Raum für den Teeausschank umfunktionierten. Es war eben nur ein Raum, Tee war gesellschaftlich für Frauen akzeptiert und es bedurfte kaum Kapital.

Catherine Cranston – eine Ikone im Tearoom Business

Zwei Bedienungen in Weiß am Tisch in Willow Tea Rooms Glasgow
Zwei Bedienungen im Room DeLuxe in den Willow Tea Rooms auf der Sauchiehall Street Besitzerin Kate Cranston, Fotograf J.C. Annan, Public domain, via Wikimedia Commons“

Eine der bekanntesten Tearoom Besitzerinnen war die Schottin Catherine Cranston, die in der Argyle Street in Glasgow von 1880 bis 1917 einen Tearoom führte. Ihr Fokus lag auf Ambiente und Eleganz, auch für das normale Volk, indem sie preiswert Tee mit kleinen Malzeiten anbot. Ihr Willow Tea Room in Glasgow war berühmt für seine Jugendstil Architektur und Design. Als Tochter eines Hotelbesitzers und Schwester eines Tee Händlers hat sie das Händchen für ihren Erfolg praktisch mit ins Geschäft gebracht. Sie schuf einen „Art Tearoom“. Er sollte mit seinem Ambiente attraktiv für alle sozialen Klassen sein und zum Entspannen einladen.

Tearoom Derry And Toms
Eleganter Tearoom Derry And Toms, Kensington High Street, Greater London, Bild: aufgenommen 12.05.1893, Reproduktion mit Erlaubnis des Historic England Archive ref: bl12089

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