Start Stories Bell Ringing Probe im Glockenturm – ein spannender Abend für mich.

Bell Ringing Probe im Glockenturm – ein spannender Abend für mich.

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Bell Ringer

Ich bin keine, die sich gerne in engen, dunklen Treppen eines Jahrhunderte alten Kirchturmes nach oben schraubt. Und doch hat mich die Neugierde im gotischen Glockenturm der Pfarreikirche St. Eustachius in Tavistock/Dartmoore an einem dunklen Oktoberabend dieses Jahres nach oben getrieben. Dank George Mudge, dem Tower Captain, durfte ich an einer Probe der Bell Ringing Society, einem enthusiastischen Team, von Tavistock teilnehmen. Und es war ein Erlebnis! Jeden Dienstagabend proben sie von 19.30 bis 21 Uhr, ohne Pause. Am Sonntagmorgen stimmen sie dann für die Messe in der Pfarrgemeinde ihr melodisches Geläut an.

Und wer glaubt, dass nur Kirchgänger sich solch einem Team anschließen, liegt falsch. Schließlich werden die zauberhaften Melodien von allen in der ganzen Gemeinde gehört. Sie signalisieren, dass es hier einen aktiven Club gibt, der Freude an einer speziell britischen kulturellen Aktivität hat.

Stufen im Kirchturm, Bell Ringing Society
50 enge Treppenstufen führen den gotischen Turm in der Tavistock Pfarreikirche hinauf zur Kammer der Glöckner.

Einzeln kommen sie an einem kalten Oktoberabend die 50 engen Stufen mit Covid Mundschutz in den Glockenraum heraufgeschnauft, wo 12 Seile an der Wand aufgewickelt hängen. 10 für das Geläut, das man draußen hören kann, und 2 für die „Dummies“. Das sind Übungsglocken ohne Glockenschwengel, an dem Neulinge üben können, ohne „draußen“ hörbar zu sein. Wider Erwarten fand ich den Raum gemütlich mit Holzwänden, Holzdecke und Teppichboden ausgekleidet vor. Aufgrund der Covid Vorschriften mussten jedoch auch in kalten Herbstnächten Fenster und Türen geöffnet bleiben. Das Team nimmt das hier sehr genau.

Ein guter Glöckner lässt sich nicht unterkriegen.“

Donna Baker, eine der Bell Ringer,  schreibt zur Situation ihres Teams nach der Zeit des Covid Lockdowns im Oktober 2021: „Das Leben nimmt wieder Fahrt auf, nicht wahr? Gottesdienste, Konzerte – es ist so gut, sie wieder genießen zu können – und die Glocken läuten wieder für Hochzeiten. Es liegt Hoffnung in der Luft um uns herum. Wir müssen aber noch wirklich vorsichtig sein. Wir tragen immer noch Masken, wenn wir im Turm sind, ob wir läuten oder nicht, auf jeden Fall ist es sehr unbequem. Aber es dreht sich alles darum, sich umeinander zu sorgen und auch um uns selbst, wenn wir unsere Hände desinfizieren zum einen, wenn wir ankommen und auch wenn wir die Seile für die Glocken wechseln. Aus diesem Grund läuten wir auch nicht alle zur gleichen Zeit zusammen. Deshalb kann es sein, dass ihr auch an einigen Sonntagen nicht alle 10 Glocken wie bisher gleichzeitig hört, und wir wissen auch noch nicht, wann sich das ändern wird. Nichtsdestotrotz sind wir aktiv und einige von uns läuten auch in anderen Kirchtürmen in der Umgegend – Lamerton, Sampford Spieney, Peter Tavy – und auch Mitglieder der Exeter Cathedral Band sind unter uns. Einen guten Glöckner kannst du nicht unterkriegen. (…) ..und ich hoffe (…) dass wir uns in nicht allzu langer Zeit alle wieder versammeln und läuten können, wie wir’s immer getan haben, ohne Masken, ohne Angst oder Vorsicht – aber möglichweise dennoch mit Händedesinfektion. Das scheint eine gute Angewohnheit, die man beibehalten kann.“

Sobald die ersten eingetroffen sind, geht es auch gleich zur Sache. Jeder hat seinen Mundschutz auf, greift sich eine der zahlreichen Desinfektionsflaschen, die auf dem Tisch zwischen ihnen stehen, desinfiziert sich die Hände und los geht’s. Mit Energie und ohne Pause ziehen sie kraftvoll an den Seilen. Kein Wunder, dass sie alle so schlank sind.

Die Bell Ringer bringen die ersten Glocken auf Position.

Heute sind 8 Team Mitglieder da. Einige müssen zur Zeit passen, da sie mit Gesichtsmaske den anstrengenden körperlichen Einsatz über 1,5 Stunden nicht leisten können. Immer mehr der Glöckner schalten sich Zug um Zug in den Melodienreigen ein, bis ein perfektes Läuten aus dem Turm der gotischen Kirche in die Dunkelheit schallt und die abendliche Stille Tavistocks erfüllt.

Jetzt sind 6 Glocken in Aktion.

Ich darf einen Blick in den Raum werfen, der ansonsten „off Limits“ ist, so dass ich mir die „Dummy“ Glocken ansehen kann. Diese haben keinen Glockenschwengel, so dass man sie draußen nicht hören kann. Diese „Dummy“-Glocke muss durch das Zugseil zu Beginn in senkrechte Position nach oben stehend gebracht werden und sozusagen etwas einrasten. Alle „echten“ Glocken beginnen in dieser Position, um in einen gleichmäßigen Rhythmus zu gelangen. Das will erst einmal geübt sein.

„I trained like an animal, but the thing is focus and concentration.” Mickey Rourke

Bell ringing Dummy Glocke
Blick in die Kammer, in der di e“Dummy“ Glocke zum Proben hängt. Beim Start muss sie nach oben stehen.

Wurde ein Bell Ringer schon einmal mit dem Seil nach oben gezogen?

Erwähnt man in Großbritannien irgendwo, dass man ein aktiver Bell Ringer ist, kommt auch bald die Frage, ob er/sie schon einmal mit dem Seil nach oben gezogen wurde. Normalerweise heißt die kurze Antwort hier „Nein“, weil es den Tatsachen entspricht.  Aber es kann durchaus passieren, und der ein oder andere Bell Ringer hat genau das schon einmal beobachtet.

Um zu verstehen, wie so etwas überhaupt geschehen kann, muss man wissen, dass die Glocken  an einem großen Spindelstock hängen, der wiederum mit einem großen Rad verbunden ist. Das Seil, das ebenfalls mit dem Spindelstock verbunden ist, ist in einer Rille um das Rad geschlungen und hängt soweit herunter, wie es vom Glockenstuhl bis zur Kammer der Glöckner nötig ist.  Wenn das Seil also gezogen wird, schwingt die Glocke in einem vollen Kreis, und wenn es wieder gezogen wird, schwingt sie wieder zurück. Wenn jedoch nichts das Seil stoppt, kann die Glocke am Höhepunkt des Schwingens überschlagen  und weiter im Kreis schwingen. Damit zieht sie das Seil um das Rad herum mit und schleppt so den Glöckner mit sich. Und da so eine Glocke mit über 200 kg ziemlich schwer ist, geht das alles recht schnell. Normalerweise stoppt ein sogenannter „Stay“ – ein Holzscheit – die Glocke am Höhepunkt. Zieht also der unerfahrene Glöckner über den Moment des Haltens hinweg, überschlägt sich das Seil und der Glöckner wird mit nach oben gezogen, meist begleitet durch die Rufe seiner Team Mitglieder „Lass los!“. Mit Glocken ist also nicht zu Spaßen. In der Regel gewinnen sie den Zweikampf, wenn man nicht aufpasst.

Warnschild an Holzwand der Bell ringer Kammer.
Vorsicht ist auch beim Bedienen der Seile angeraten

Die Hochzeitsglocken sind wie der Zuckerguss auf der eigentlichen Trauungszeremonie

Brautpaar mit Brautstrauß, Bell Ringing
Bild: Nathan Dumlao – Unsplash

Für die Bell Ringer ist es wichtig, an Hochzeiten zu läuten und das nicht nur, weil sie eine kleine Einnahmequelle für ihr Team sind. Die kirchliche Trauung ist ein ganz spezielles Ereignis, und jedes Brautpaar möchte, dass es perfekt wird. Wenn Braut und Bräutigam die Kirche verlassen, ist der Klang der Glocken wie ein Freudengeläute, wie der dekorative Zuckerguss auf dem solideren Teil, der eigentlichen Trauung. Möglicherweise nehmen die Brautleute vor lauter Aufregung am Tag selbst die Kirchenglocken gar nicht wahr, aber auf den Filmen danach von ihrer Hochzeit werden sie diese hören. Die Glocken ziehen die Aufmerksamkeit der umliegenden Bewohner auf das fröhliche Ereignis.

Während der Trauzeremonie warten die Bell Ringers still in ihrer Kammer, bis das Signal zum Start kommt: zweifaches Ein- und Ausschalten des Lichtes im spiralförmigen Treppenaufgang des Turms. Dann wissen sie, dass das Brautpaar die Kirche verlässt, und das Team legt los. Zweimal 15 Minuten läuten sie dann und verlassen danach, als einzige nicht in festliche Kleidung gehüllt, leise im Hintergrund den Turm.

So läuft es jedenfalls ab, wenn alles glatt läuft. Aber alle Bell Ringer können Geschichten darüber erzählen, wie die Braut eine dreiviertel Stunde zu spät kam, deren Vater den Autoschlüssel verloren hatte, die Braut im letzten Moment den Schleier mit Tee übergossen hatte oder deren Taxi einfach nie aufgetaucht ist.

„I’m getting married in the morning! / Ding dong! the bells are gonna chime. / Pull out the stopper! Let’s have a whopper! / But get me to the church on time!.“ Alan Jay Lerner

Seile für Kirchenglocken an der Wand aufgehängt. Raum der Bell Ringer.
Im Raum der Bell Ringer.

Wird es Bell Ringer in Zukunft noch geben?

Wie für alle Aktivitäten rund um die Kirche, hat auch diese Pfarrei Probleme jugendlichen Nachwuchs für die uralte Fähigkeit des Bell Ringing zu finden. Das Alter spielt bei diesem Team keine Rolle, von 12 bis 70 ist jeder willkommen. Und da er die 50 Stufen des Turmes schafft und 1,5 Stunden Training durchhält, ist der älteste Bell Ringer hier in Tavistock 90 Jahre alt.

Es braucht einige Monate, die Seile kennenzulernen, und dann bringt man den Neulingen bei, wie man in einem Team die Glocken anschlägt. „Ich mache das seit über 50 Jahren,“ sagt George, „und zwar in der ganzen Welt, obgleich es eine typisch britische Kunstfertigkeit ist.“

Früher hatte man gerne die Chorknaben dafür begeistert. Ihr Stimmbruch war genau zur rechten Zeit, wenn man sie in das Glockenläuten einweisen konnte, und zudem waren sie an regelmäßigen Einsatz in der Kirche gewöhnt. Für Mädchen war der Stimmbruch in dem zeitlichen Rahmen natürlich unerheblich. Mit den Jahren interessierten sich die Jugendlichen auch für andere Aktivitäten oder gingen weg zur Universität. Erwachsene, die das Bell Ringing lernen, sind normalerweise in der Gemeinde fester verankert und werden wertvolle Mitglieder des Teams. Tavistock hat zudem großes Glück, eine ganze Anzahl fertig ausgebildete Glöckner von hohem Niveau dazugewonnen zu haben, die in diese Gegend zogen. Einige sogar gerade wegen der Glocken. Man müsse nicht sehr musikalisch für diese Kunstfertigkeit sein, aber man müsse ein gutes Rhythmusgefühl haben, sagen sie.

Neue Glocken zum Millennium

Anders als anderswo auf der Welt schwingen britische Glocken nicht hin und her, sondern im Kreis. Aus zehn Glocken besteht das Geläut der Parish Church in Tavistock, kleinere Kirchen verfügen eher über sechs Glocken. Die ehemals acht Glocken in Tavistock stockte man zu Ehren des neuen Millenniums um 2 auf. Diese beiden wurden in Loughborough bei der Glockengießerei John Taylor & Co, gegossen. Gesponsert wurden diese neuen Glocken im Wesentlichen von zwei ortsansässigen Familien, die Arbeiten drumherum wurden durch Spenden finanziert. George selbst war seinerzeit an der Organisation und dem Transport der neuen Glocken maßgeblich beteiligt.

„Läutet Glocken, wild zu Himmel empor,
zu den jagenden Wolken, dem eisigen Licht.
Das Jahr stirbt, noch ehe der Tag anbricht.
Laßt es sterben, und läutet, ihr Glocken, im Chor!“
Alfred Tennyson, 1. Baron Tennyson (1809 – 1892), britischer Dichter des Viktorianischen Zeitalters

Wettbewerbe gehören dazu

Da sich die menschliche Rasse mit allem möglichen vergleichend misst, ist auch die Gilde der Bell Ringer nicht ausgeschlossen. Oktober ist hierfür ein sehr aktiver Monat. Wer produziert mit seinem Team das beste Stück, „short piece“. Sechs Teams sind zum Beispiel in Plymouth am Morgen angetreten, acht am Nachmittag. Um die Qualität des Läutens geht es hierbei, wohlklingend, rhythmisch, nicht zu langsam, nicht zu schnell, ohne Kollisionen soll es sein, das Geläut. Durch die Wettkämpfe hebt sich auch der Standard für das heimische Läuten zum Gottesdienst. Preise in dem Sinne gibt es nicht, lediglich eine Urkunde, die sich das Team in seine Glöcknerkammer hängen kann.

Die Kirche selbst datiert auf 1265 zurück, mit seiner klösterlichen Vorgeschichte sogar auf 981. Die Kirchenglocken sind erstmalig 1423 urkundlich erwähnt. Einige wurden möglicherweise im englischen Bürgerkrieg (1642-1649) eingeschmolzen.

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