Start Reisen Roadtrip durch Großbritannien – Episode 5 + 6

Roadtrip durch Großbritannien – Episode 5 + 6

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Straße Berge grüne landschaft
Schottlische Insel Harris, Bild: Ian Cylkowski - Unsplash
Till Schulze
Autor: Till Schulze

In dieser Episodenfolge, die als ein Teil meiner Serie „Freundnachbarlich- Erfahrungen von Deutschen mit Briten und umgekehrt“ erscheint, beschreibt Till Schulze immer neue Episoden von seiner Zeit, als er 1977 durch England getrampt ist und zeichnet durch seine vielfältigen Kontakte ein variantenreiches Bild von den Briten.

Episode 5:  Alte Damen mit viel Zeit, alte Steine und schottische Pullover.

An einem der nördlichsten Punkte Schottlands angekommen, das 300 Seelen Kaff hieß John O’Groats, beschloss ich, vom kleinen Fähranleger zu den Orkney Inseln überzusetzen. Man konnte die Orkneys vom Festland aus bereits sehen, die Überfahrt sollte nur 40 Minuten dauern. Allerdings warnte man mich vor, es könnte eine unruhige Überfahrt werden. In der Tat rollte das kleine Boot unruhig hin und her und kämpfte gegen die starke Strömung an. Es gab nur Plätze unter Deck mit ein paar Bullaugen knapp über der Wasseroberfläche. Die Naturgewalten zogen und zerrten an dem Schiffchen, das sich knarrend vorwärts schob und schließlich an der Südinsel anlandete.

Meer, Bucht, Wiese, Orkney
Orkney Inseln, Bild: d-kah – Unsplash

Nachdem ich einige Zeit mit meinem Gepäck gelaufen war, probierte ich es wieder mit Trampen. Eine alte Dame hielt an und nahm mich bis nach Kirkwall mit, der Hauptort der Insel Mainland. Sie gab mir noch ein paar Tipps, was ich mir unbedingt ansehen sollte und setzte mich vor einem der vielen Wolllädchen ab. Das war wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl, denn eines war klar, hier oben brauchte man einen warmen Pullover. Die Auswahl war groß, und ich entschied mich letztendlich für einen schweren Rundhalspullover aus reiner Schafwolle, der mir in Folge hervorragende Dienste leistete.

Eine der strickenden alten Damen vor dem Laden wollte Feierabend machen und bot mir an, mich zu den Sehenswürdigkeiten zu fahren. Sehr nette Leute hier und auch so vorurteilsfrei, dachte ich und willigte dankend ein. Und dann gings auch schon los zu einer kleinen Sightseeing-Tour. Wir fuhren zu der alten Siedlung Skara Brae, ein Stoneage Village (Jungsteinzeit), das Mitte des 19. Jahrhunderts nach einem Sturm freigelegt wurde und nachweislich vor ca. 2500 Jahren v. Chr. entstanden ist. Danach besuchten wir noch die Standing Stones of Stenness, einen großen elliptischen Steinkreis, ähnlich Stonehenge, auch um die 3000 v. Chr.

Steinstehelen auf grüner Wiese Schafe
Stones of Stenness – Bild: Jasmin Gorsuch _ Unsplash

Zum Abschluss fuhr sie mich noch nach Stromness, einem bezaubernden kleinen Küstenort, der aus einer Wikingersiedlung hervorging. Der urige Ort gefiel mir so sehr, dass ich beschloss, ein paar Tage zu bleiben.

Episode 6: Raue See, ein Déjà-vu und eine Sprache, die ich nicht verstehe.

Insel Harris, Bild: Ian Cylkowski – Unsplash

Nach der Rückkehr von den Orkney Inseln ging meine Reise weiter an der Nordküste Schottlands bis zum äußersten Zipfel im Westen und dann die Westküste herunter bis zum traumhaft gelegenen Fischerstädtchen Ullapool. Von dort setzte ich in einer knapp zweistündigen Fahrt über nach Stornoway, dem Hauptort der Insel Lewis and Harris, sozusagen im Herzstück der Äußeren Hebriden. Als ich dort ankam war es stockdunkel, kein Mensch auf der Straße. Ich dachte auf die Schnelle noch eine Unterkunft mit Bed and Breakfast zu finden, aber ich konnte niemanden fragen. Beim Herumlaufen durch die verlassenen Straßen kam ich an einem alten Haus mit markanter Fassade vorbei. Ich schaute nach oben und sah in der ersten Etage ein Fenster weit offenstehen. Die weißen Vorhänge wehten durch den starken Wind ständig nach draußen und im Hintergrund bewegte sich ein Schatten. Die unheimliche Szenerie kam mir bekannt vorher. Ein Déjà-Vu. Vor längerer Zeit hatte ich einen Traum, genauso.

Felsen, Meer, Berge
Insel Harris, Bild: Ian Cylkowski – Unsplash

Ich fasste mir schließlich ein Herz und klingelte einfach irgendwo. Man öffnete mir freundlich, das Englisch war kaum zu verstehen, griff zum Telefon und schickte mich ein paar Häuser weiter. Die Dame des Hauses rümpfte ein wenig die Nase, ich sah wohl mal wieder etwas abgerissen aus, aber dann führte sie mich in ein behagliches Zimmer und wünschte mir mit einem „Breakfast at eight“ eine gute Nacht. Ich freute mich schon auf ein ausgiebiges Inselfrühstück und schlief rasch ein. Der nächste Morgen war ein guter Morgen, denn die Hausherrin hatte prächtig aufgefahren. Morgens schon mit Rührei und Speck, Würstchen und ‚Baked Beans‘ zu beginnen, daran hatte ich mich schon gewöhnt. Es gab außerdem noch Orangensaft, Müsli und Toast mit Marmelade.

English Breakfast, Bild: Deepansh Khurana – Unsplash

Frisch gestärkt machte ich mich auf den Weg, um von Stornoway weiter Richtung Süden zu kommen, vom Inselteil Lewis nach Harris. Ein Postbote las mich auf. Mit seinem kleinen Kombi versorgte er die verstreut liegenden Höfe und Häuser. Er sagte mir gleich, es könne etwas länger dauern mit ihm zu fahren, denn er müsse oft anhalten. Es zog sich dann wirklich, allerdings fuhren wir die schönsten Schleichwege, und jeder Kunde verwickelte ihn noch in ein kleines Pläuschchen, wohl um Neuigkeiten auszutauschen. Ich verstand allerdings nur Bahnhof, man unterhielt sich auf Gälisch. Am Ende einer landschaftlich äußerst reizvollen Straße kamen wir durch Garynahine, und danach sah man eine größere Gruppe von ‚Standing Stones‘, die Callanish Stones. Ein wahrlich magischer Ort in einer wilden, kargen Landschaft, die von Flüsschen und kleinen Seen durchzogen war. Dort machten wir eine längere Pause, und er erzählte mir gutgelaunt die ein oder andere Anekdote. Ganz ehrlich, er sprach zwar englisch, aber das auch nur gebrochen und aus Höflichkeit. Er ließ mich dann auf der Rückfahrt an der 859 raus.

Steinstehlen im Mondlicht
Callanish Stones, Gordon Williams – Unsplash

Tipp von Sieglinde Fiala: Wer auf Harris ist, sollte es sich nicht entgehen lassen, eine der kleinen privaten Harris Tweed Webereien zu besuchen. Es darf sich nur der Stoff „Harris Tweed“ nennen, der auch von der Insel kommt. Harris Tweed erlebt in der Mode übrigens gerade ein großes Comeback. Ich empfehle dir hierzu meinen Artikel:

Harris TweedWoven with Love and Care

3 Männer eine Frau, auf Bank sitzend, Haus im Hintergrund
Moderne Werbung für Harris Tweed, Bild: 1doodoosonic – Unsplash

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