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10 Gründe, warum Briten besessen von königlichen Hochzeiten und dabei so patriotisch sind

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vier Personen rot blau gekleidet London royal wedding

Sieh dir die Briten an, wenn eine königliche Hochzeit ansteht. Nichts hält sie davon ab, bereits Tage vor der Trauungszeremonie auf Gehwegen vor Westminster Abbey oder Windsor Castle zu campieren, um nur ja nicht ihre Pole Position beim Einmarsch der prominenten Gäste und des Brautpaares zu verlieren.

Tausende Fans der Royals campieren bereits Tage vor der Trauung vor dem Westminster Abbey in London.
© Bildrechte: Sieglinde Fiala

Und diese Leidenschaft zieht sich schon seit etlichen Generationen durch die Familien. Um nichts in der Welt würden sie das Spektakel verpassen. Schließlich markiert es ein unvergessliches und meist auch einmaliges Ereignis in ihrem Leben, alle in die Kirche gehen zu sehen und nicht zuletzt das Brautpaar selbst. Auch wenn sie dann doch keinen Blick auf sie erhaschen können, campieren sie hier alleine schon wegen der Atmosphäre.

Dass so viele Briten diesem Ritual verfallen sind, mag bei dem ein oder anderen von uns Stirnrunzeln auslösen. Aber die Anzahl der Briten, die diesem Hype folgen, ist immens. Und es sind nicht nur die Briten. So verzeichnete die britische Wirtschaft bei Harrys und Meghans Hochzeit einen Zuwachs von 500 Millionen £, denn auch Touristen aus dem Ausland hat der Virus erfasst. Allein für die Hochzeit der beiden stieg der Umsatz von Opodo in UK um 33%, alles Flüge, die für die drei Tage vom 17. bis 19 Mai 2018 nach London gebucht wurden. Airbnb verzeichnete 42.000 Besucher in London allein an jenem Wochenende.

Schlafende Menschen mit Schlafsack vor dem Buckingham Palast
London vor der königlichen Hochzeit von William und Kate 29. April 2011. Viele Touristen schliefen schon die Nacht davor auf dem Platz vor dem Buckingham Palast. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Dabei rechne ich mich durchaus zu den Fans der Royal Weddings. Es war Ehrensache, unsere Freunde am Tag von Harry und Meghans Hochzeit zu einer Wedding Party in unseren Garten einzuladen. Selbstverständlich kamen unsere Gäste der Etikette und dem Anlass entsprechend in eleganter Kleidung und die Damen mit Hut, der Garten war mit britischen Wimpeln geschmückt.

Welche Gründe gibt es also für diese Leidenschaft?

Unbestreitbar ist, dass die Berichterstattung der Medien vor solch einer königlichen Hochzeit immens ist. Es gibt nur wenige Tage, an denen das königliche Paar nicht auf den Tableaus der Zeitungen und Magazine zu sehen ist. Ganz zu schweigen von den sozialen Medien.

Ein umfangreiches Kapitel schlägt die Modebrache auf, wenn es um das Hochzeitskleid geht. Was wird sie tragen? Von welchem Designer und wir teuer?

Als ich mit meinem Tablet mitten in der Menge vor dem Buckingham Palast die Trauung von William und Kate in Westminster Abbey verfolgte, war die erste Frage der umstehenden britischen Frauen an mich: „What does she wear? What is her dress like?“ Als ich sie einen Blick auf das Tablet werfen ließ, war für sie die wichtigste Frage an der Hochzeit gelöst und das Brautkleid mit vielen „Ahs“ und Ohs“ bewundernd zur Kenntnis genommen worden.

Leser und Zuschauer werden bereits Monate vor dem Ereignis überschüttet mit Nachrichten aller Medienbereiche und können sich dem kaum entziehen.

Buckingham Palast Menschenmenge Fahnen Union Jack Limousine
Dieses Bild hält den Moment fest, als Queen Elizabeths Limousine am 29. April 2011 den Buckingham Palast verlässt und zur Trauung Williams und Kates zu Westminster Abbey fährt. Über eine Million Menschen versammelte sich friedlich feiernd vor dem Buckingham Palast. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Der Stoff, aus dem Märchen gemacht sind

pink lady mit Union Jack interviewed by TV moderator royal wedding
Anlässlich der Hochzeit von Kate und William finden sich Millionen britische und ausländische Fans der Königsfamilie ein und alle Fernsehstationen im In- und Ausland sind auf Sendung. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Eine königliche Hochzeit wiederbelebt längst vergangene Romantik. „Mädchen aus dem Volk findet seinen Traumprinzen, und wenn sie nicht gestorben sind…“  Die Medien steuern genau in diese Richtung und bauen ein solches Märchenbild auf. In der Tat hat das Ganze etwas von „Seifenoper-Eskapismus“, wie es eine Psychologin nannte.

Die königliche Familie ist Jahrhunderte alter fester Bestandteil eines jeden Briten

Die Royals sind Teil der britischen Identität. Daran gibt es kaum etwas zu leugnen, auch wenn es reichlich Gegner der Monarchie gibt. Jeder Brite ist von Kindheit an mit der Queen als Staatsoberhaupt aufgewachsen, und jedermanns Leben ist damit verbunden. Bereits als Kind liest ein jeder von Prinzen, Königen, Prinzessinnen, Kinder verkleiden sich als Prinzessin. In der Schule spricht man über die Stuarts oder Tudors. Jeder wächst mit dieser Geschichte auf. Daher sind königliche Hochzeiten ein Ereignis, das ungeheuren Nationalstolz weckt. Bei uns gibt es etwas, das andere Nationen nicht haben und wir sind ein Teil dieser Nation. Perfekt sollen sie sein, diese Hochzeiten, die Brautleute, die Ehen. So werden sie präsentiert, und am Tag X weltweit ausgestrahlt. Hunderte Millionen Zuschauer verfolgten das Zeremoniell. Das macht sie stolz, die Briten als Nation.

Nicht einmal Promihochzeiten toppen hier Prunk und Pomp

Ein weiterer Grund für die Hochzeitsfans ist, dass dies eine Hochzeit ist, zu der sie alle eingeladen sind. Nicht im Buckingham Palast, aber landesweit feiern die Briten an diesem Tag in praktisch jedem „local“ Pub, in den Parks mit Großbildleinwand, in ihren privaten Gärten, in Clubs. In der Tat übersteigt die Erwartung an diese Feier bei weitem das Interesse an Hochzeiten von Promis. Von solchem Rampenlicht, das Harry und Meghan bekamen, konnten andere Persönlichkeiten nur träumen. Was für Letztere eine private Feier ist, ist für die Royals ein öffentliches Ereignis epischen Ausmaßes. Schließlich steht die Monarchie als Symbol für eine Nation. Demnach sollte eine königliche Hochzeit auch für private Feiern nationale Bedeutung haben. Der 29. April 2011, der Hochzeitstag von Prinz William und Kate Middleton, wurde im gesamten Vereinigten Königreich zum gesetzlichen Feiertag erklärt, was den meisten Menschen die Möglichkeit gab, diesen Anlass zu feiern.

Ob wir also in unserem Garten feiern oder vor dem Fernseher die Zeremonie verfolgen, wir und die Briten sitzen dabei sozusagen in der ersten Reihe.

Der Faktor Diana

Prinz Charles un dDiana Hochzeit
Prinz Charles und Diana an ihrem Hochzeitstag, Bild: Annie Spratt – Unsplash

Obgleich Diana, die Princess of Wales, vor 25 Jahren starb, so lebt das, was sie verkörpert, für die Briten dennoch in den Leben ihrer beiden Söhne weiter. Ihre starke Verbundenheit zum Volk als „Königin der Herzen“ wurde an ihre Söhne weitergegeben. Das große Interesse am Agieren und Schicksal ihrer beiden Söhne kommt sicher daher, mit einer Hochzeit als positives Ereignis einen Schlussstrich unter eine Tragödie setzen zu können, sozusagen ein Happy End.

Der Faktor Meghan

Natürlich gab es bei Kate and Williams Hochzeit 2011 einen ähnlichen Hype wie zuletzt bei Meghan. Doch bei Meghans und Harrys Hochzeit am 19. Mai 2018 spielte besonders Meghans Vorgeschichte eine Rolle, welche das britische Volk bewegte. Zunächst als Darstellerin in der amerikanischen Netflix Serie Suits, dann als Amerikanerin, dann als Geschiedene und gemischtrassige Braut. Noch vor wenigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Mit ihr kam die Hoffnung des Volkes auf Modernisierung des Königshauses. Doch dieser Schritt war der bisher radikalste von allen.

Erinnert man sich mit der Heirat einer Amerikanerin in ein Adelshaus womöglich an die Heirat des Fürsten Rainier III von Monaco mit Grace Kelly? Während die Heirat des ehemaligen Königs Edward VIII mit seiner 3-fach geschiedenen Frau Wallis Simpson eher ungute Gefühle bei den Royals hervorrufen dürfte und Mitleid beim Volk. Ein Familienmitglied, mit nicht ganz weißer Hautfarbe in der königlichen Familie zu haben, dürfte als eine positive Entwicklung angesehen worden sein. Anders als die meisten ihrer Vorgängerinnen, hatte Meghan ein Leben vor der Ehe mit einer durchaus politischen Stimme. Dass sie nicht den Erwartungen entsprach, sich konform dem Königshaus zu verhalten, war zu erwarten. Auch zu erwarten war, dass solche Frauen und Abweichler von der vorgegebenen Norm des Buckingham Palastes bisher nicht allzu nachsichtig behandelt wurden.

Doch zu Zeiten der Hochzeit war dies noch nicht absehbar. Die Briten trieb eher die Frage um, wie kommt sie mit dieser Institution und den Erwartungen in der Öffentlichkeit zurecht. Heute wissen wir alle mehr.

Royal Weddings als Marketinginstrument

Flaggen roter Bus und Taxi in London
In ganz London und landesweit ist kaum zu übersehen, dass etwas außergewönlich Bedeutsames stattfindet, eine königliche Hochzeit. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Fakt ist, dass die Macht der britischen Monarchie schwindet. Wenn man die Macht des Hauses Windsor über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zurückverfolgt, so wurde sie immer weiter beschnitten. Damit ist klar, dass sie bedeutungsvoll erscheinen möchte, und um zu überleben, muss sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Was wäre hierfür ein prunkvolleres, emotionaleres Ereignis als eine königliche Hochzeit, ein wirkungsvolles Mittel, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, und zwar über Monate. Solch eine Hochzeit erfüllt also einen ganz wichtigen Selbstzweck. Eine Hochzeit frischt die Monarchie auf, macht das Königshaus jugendlicher und erweckt weltweites Interesse. Auch die Aussicht auf Kinder ist wie eine Prophezeiung, dass die Institution der britischen Monarchie in eine dauerhafte Zukunft blicken kann.

Woher kommt der Patriotismus, wenn’s um königliche Hochzeiten geht?

Kaum einer kann die Show überbieten, die Briten an den Tag legen, wenn Royals heiraten. Dabei übernehmen die Briten die fast mystische Rolle der Verschmelzung von Britannien und der königlichen Familie. Wenn sie mit ihren rot-blau bemalten Gesichtern, ihren Anzügen, geschneidert aus dem Union Jack, ihren Millionen Fähnchen am Hochzeitstag die Straßen Londons säumen und die Parks bevölkern, fragt man sich, wie es kommt, dass sich ihre Liebe zum Land so untrennbar mit ihrer Zuneigung zum Königshaus vermischt. Zehntausende Union Jacks in der Menschenmenge sind Beweis dafür. Ebenso wie der Kaufrausch bei Hochzeitssouvenirs mit dem Abbild des Brautpaares.

Kleid aus Union Jack Material royal wedding
Patriotismus bei königlichen Hochzeiten zeigt sich besonders bei der Kleidung. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Die Amerikaner haben ihren Nationalfeiertag, den 4. Juli. Die Briten haben solch eine Feierlichkeit nicht, bei der sie sich gemeinsam als Nation feiern und sich präsentieren können. Eine Weltmeisterschaft eines Sportteams wäre eine Möglichkeit, ist aber eher selten. Denn Sportwettkämpfe werden meist getrennt durch Schottland, Wales, Nordirland und England ausgetragen und nicht gemeinschaftlich als Britannien. Bei königlichen Anlässen wie Krönungsjubiläen, hohen Geburtstagen oder Hochzeiten umgeht man all diese Trennungen und feiert als eine britische Nation.

Während Amerikaner an nationalen Feiertagen eher ihr großartiges Land loben, übertragen die Briten ihre Landesliebe eher stellvertretend auf eine Familie und deren Wertschätzung. Schließlich heißt es in der Nationalhymne auch nicht „Gott schütze unser Land“, sondern „Gott schütze unseren König“. Die Briten feiern mit der Hochzeit die Errungenschaft eines neuen Mitglieds der „Firma“, wie die Royals ihre Familie nennen, wo sie doch die Ganzheit verkörpern, zu der sie gehören möchten.

Eine Familiengeschichte vermittelt immer auch Emotionen

Die Königliche Familie ist also das wesentliche Instrument, mit dem der Nationalstolz vorangetrieben wird. Denn natürlich hat eine Familiengeschichte auch immer eine emotionale Seite, die weit wirkungsvoller ist als die sachliche. Dies sah man auch bei Dianas Beerdigung, von der die meisten noch das Bild vor Augen haben, als William und Harry hinter dem Sarg der Mutter hergingen.

Durch eine Hochzeit werden diese schrecklichen Tage von Dianas Tod, wo selbst die Monarchie am seidenen Faden hing, in den Hintergrund gedrängt und schließlich Wunden geschlossen.

Eine Familie verbindet zudem Geschichte mit der Zukunft. So standen auf dem Balkon des Buckingham Palastes beim legendären Kuss des Brautpaares auch Queen Elizabeth und Prinz Philipp als ältere Generation, die seinerzeit bei ihrer eigenen Hochzeit am gleichen Fleck vor ihrem Volk standen und ebenso bejubelt wurden. Königliche Hochzeiten vermitteln dem britischen Volk Kontinuität. Kate und Meghan brachten dabei frisches Blut in die Familie und die Aussicht auf eine neue Generation.

Pferde Kutschen Buckingham Palast bei königlicher Hochzeit
Die Rückkehr des Hochzeitszuges von Kate und Williams Trauung von Westminster Abbey in den Buckingham Palast. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Die Royals können sich die angenehmen Seiten herauspicken.

Während eine Regierung viele schwierige und für das Volk unliebsame Entscheidungen zu treffen hat, hält sich der Buckingham Palast aus all dem heraus. Sie können sich fast schamlos die guten Momente herauspicken, mit denen sie beim Volk punkten können und sich dabei wirkungsvoll in den Mittelpunkt stellen.

Menschen in rot blau weiß bei royal wedding
Patriotisch gekleidete Fans der königlichen Familie bei Kate und Williams Hochzeit vor dem Buckingham Palast. © Bildrechte: Sieglinde Fiala

Die Faszination im Ausland

Die Art wie die königliche Hochzeit gefeiert wird, fasziniert auch die Völker weltweit. Die Royals werden hier als Hüter der Tradition schlechthin gesehen, wie sie uns bisher nur in Märchenbüchern begegnete. Und die Briten können sich eben als Teil dieses Prunks fühlen.

Obgleich es eine Vielzahl von britischen Bürgern gibt, welche die Monarchie lieber heute als morgen abschaffen würden und König und Königinnen ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt vorziehen würden, so beweist doch jede königliche Hochzeit, dass eine Abkehr von der Monarchie eine völlig andere Art des britischen Patriotismus verlangen würde. Denn der britische Patriotismus und die Monarchie sind zurzeit noch untrennbar verbunden.

In Krisen kommen Hochzeiten im Buckingham Palast eben gerade immer zur rechten Zeit.

Weiterer Artikel zur Royal Family: Weihnachten bei den Royals

Link zu Prince Harrys Duke of Sussex Biografie „Spare“.

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