
Wenn die Hügel von Snowdonia im Dezember unter einer dünnen Schneedecke glitzern und das Meer an der Küste von Pembrokeshire silbern schimmert, dann liegt in Wales eine ganz eigene Weihnachtsstimmung in der Luft – eine Mischung aus uralten Ritualen, Musik, Mythen und einem Hauch Mystik. Weihnachten, auf Walisisch “Y Nadolig”, ist hier mehr als nur eine festliche Jahreszeit – es ist ein Stück gelebter Geschichte.
Immergrün und ewig: Die Sprache der Pflanzen
Noch bevor elektrische Lichterketten Einzug hielten, schmückten die Waliser ihre Häuser mit Stechpalme und Mistel. Die Mistel sollte das Zuhause vor bösen Geistern schützen, während die glänzenden, stacheligen Blätter der Stechpalme das ewige Leben symbolisierten. Man spürt darin eine enge Verbindung zur Natur, die in Wales nie ganz verloren gegangen ist – selbst wenn heute der Duft von Weihnachtsgebäck statt feuchtem Moos durch die Wohnzimmer zieht.
Plygain – Gesang vor Sonnenaufgang

Ein besonders stimmungsvoller Brauch ist der Plygain, ein Morgengottesdienst zwischen drei und sechs Uhr früh. Nur etwas für Frühaufsteher – oder für jene, die gar nicht erst schlafen gehen.
In ländlichen Gegenden versammelten sich die Männer in der Dunkelheit, um mehrstimmige, unbegleitete Weihnachtslieder zu singen. Drei Stunden lang! Die Atmosphäre: schlicht, warm, fast hypnotisch. Der Plygain ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Spiritualität weniger Inszenierung und mehr Gemeinschaft war. In vielen walisischen Dörfern wird diese Tradition heute wiederbelebt – ganz ohne Orgel, aber mit viel Herz.
Gwyl San Steffan – Der etwas raue Boxing Day
Der 26. Dezember, Gwyl San Steffan, war früher ein Tag der… nun ja, etwas eigenwilligen Bräuche. Junge Männer zogen einst mit Stechpalmenzweigen durch die Dörfer und schlugen – zum Spaß, versteht sich – die ungeschützten Arme oder Beine junger Frauen. In manchen Gegenden musste auch derjenige dran glauben, der am längsten im Bett blieb. Glücklicherweise endete diese „holly-beating“-Tradition noch im 19. Jahrhundert. Heute begnügen sich die Waliser mit einem gemütlichen Spaziergang an der Küste oder einem Pint Ale im Pub – eine friedlichere, aber nicht weniger gesellige Variante.
Nos Galan – Wenn das neue Jahr anklopft
Während die Schotten Whisky schenken und die Engländer den ersten „dark-haired man“ ins Haus bitten, legt man in Wales Wert auf feine symbolische Details.
Der erste Besucher im neuen Jahr entscheidet das Glück: Ist es eine Frau, droht Unglück – ebenso, wenn der Mann rothaarig ist. (Ein wenig Aberglaube gehört dazu.)
Man achtete auch darauf, keine Schulden mit ins neue Jahr zu nehmen, und verlieh am 1. Januar nichts, um das eigene Glück nicht „aus der Hand zu geben“. Ein schöner Gedanke eigentlich – ein sauberer Neustart, ganz ohne Ballast.
Mari Lwyd – Das Gespenst auf dem Dorfplatz

Kaum ein walisischer Brauch ist so faszinierend wie der der Mari Lwyd – der „Grauen Stute“. Eine Pferdeschädel-Maske mit Glasaugen, bunten Bändern und einem weißen Tuch wird auf einer Stange befestigt und von einer Gruppe Menschen von Tür zu Tür getragen.
An jeder Schwelle beginnt ein poetisches Duell, das sogenannte pwnco: Die Mari-Gruppe rezitiert Verse und fordert Einlass, die Hausbewohner antworten in Reimen – wer gewinnt, darf eintreten.
Was heute charmant und folkloristisch wirkt, hatte einst einen handfesten Ruf: Die Mari-Gruppen galten als laut, feuchtfröhlich und nicht selten zerstörerisch. Mit dem Aufstieg des Methodismus im 19. Jahrhundert wurde der Brauch gebändigt – heute wird er in Orten wie Llangynwyd oder Aberystwyth fröhlich, aber gesittet wiederbelebt.
Calennig – Neujahr mit einem Tropfen Glück
Am Neujahrsmorgen klopften einst Kinder an jede Tür im Dorf, geschmückt mit Immergrün und einem Becher kalten Wassers aus dem Brunnen. Sie bespritzten die Bewohner – als Symbol der Reinigung und des Neubeginns – und erhielten dafür eine kleine Gabe, den Calennig: Kupfermünzen, vielleicht ein Apfel oder ein Stück Gebäck.
Manche walisische Familien pflegen den Brauch noch heute – oft begleitet von einem alten Vers:
“Blwyddyn Newydd Dda i chi,
Ac i bawb sydd yn y tŷ!”
(„Ein gutes neues Jahr für euch – und für alle im Haus!“)
Ein Land, das singt und feiert
Ob bei Plygain-Gesängen, bei der schneeweißen Mari Lwyd oder beim bescheidenen Calennig – in Wales spürt man zu Weihnachten die tiefe Verbindung zwischen Gemeinschaft, Musik und Mythos.
Es sind Feste, die nicht von Konsum, sondern von Teilen, Singen und Zusammenhalten leben. Vielleicht ist das die schönste Botschaft dieser walisischen Weihnacht:
Ein Fest beginnt nicht mit Geschenken – sondern mit Geschichten.
Ich liebe es, wie Volksbräuche uns lehren, in der Dunkelheit Licht zu finden – ob durch Gesang, Gemeinschaft oder einfach eine Tasse heißen Tee. Vielleicht steckt genau darin die Magie des Winters: Wir teilen Geschichten, um uns gegenseitig warmzuhalten.

Teatime-Tipp: Ein Hauch Wales in der Tasse
Was passt besser zu einem winterlichen Nachmittag voller Geschichten als eine dampfende Tasse Tee?
Wenn du ein wenig walisische Gemütlichkeit einfangen möchtest, probiere diesen „Winter in Snowdonia“-Tee:
Rezeptidee:
1 TL kräftiger Assam-Tee (für Tiefe und Wärme)
½ TL schwarzer Darjeeling (für eine feine, leicht malzige Note)
Ein Stück getrocknete Orangenschale
Eine Prise Zimt und ein Hauch Nelke
Ein paar Blätter getrocknete Minze (ein Gruß an die frische Luft der walisischen Berge)
Alles mit kochendem Wasser aufgießen, 4–5 Minuten ziehen lassen, und – wenn du magst – mit einem Löffel Honig süßen.
Dazu ein Stück Butter Shortbread oder walisischer Bara Brith (ein saftiger Früchtekuchen), und schon hat man das Gefühl, an einem Kamin in einem kleinen Cottage an der Küste zu sitzen, während draußen der Wind durch die Täler streicht.
Blwyddyn Newydd Dda – Ein frohes neues Jahr!
Dazu passt hervorragend der traditionelle Welsh Loaf Cake oder das Bara Brith

Ist Welsh Loaf Cake dasselbe wie Bara Brith?
Der Welsh Loaf Cake und das walisische Bara Brith werden oft für dasselbe gehalten, doch es gibt einige wichtige Unterschiede.
Bara Brith, auf Walisisch „geflecktes Brot“, ist ein traditioneller walisischer Früchtekuchen, bei dem getrocknete Früchte in Tee eingeweicht und mit wärmenden Gewürzen wie Zimt oder Muskat verfeinert werden. Er wird meist in Scheiben geschnitten und mit Butter bestrichen serviert – perfekt für gemütliche Nachmittage oder die Weihnachtszeit.
Ein Welsh Loaf Cake hingegen ist eine modernere Variante desselben Prinzips, bei der nicht unbedingt die klassische Technik oder alle traditionellen Zutaten verwendet werden. Während Bara Brith fest in der walisischen Küche verwurzelt ist, erlaubt der Welsh Loaf Cake kreative Variationen – etwa mit anderen Früchten, Nüssen oder einem Zuckerguss.
Welsh Loaf Cake
Zutaten
- 250 g selbsttreibendes Mehl (oder normales Mehl + 2 TL Backpulver)
- 120 g Butter, weich
- 100 g Zucker
- 120 ml Milch
- 1 TL Backpulver
- 80 g Sultaninen
- 40 g Korinthen oder Rosinen
- 1 Ei
- Optional: 1 TL Zimt, ½ TL Muskat, etwas Orangenschale oder gehackte Walnüsse
Zubereitung
- Den Ofen auf 175 °C (Ober-/Unterhitze) vorheizen und eine Kastenform einfetten oder mit Backpapier auslegen.
- In einer großen Schüssel Butter und Zucker cremig rühren, bis die Masse hell und luftig ist.
- Das Ei unterrühren.
- Mehl, Backpulver, Milch und die getrockneten Früchte hinzufügen und gut vermengen. Nach Belieben Gewürze oder Orangenschale unterrühren.
- Den Teig in die vorbereitete Form füllen und 40–45 Minuten backen, bis ein Holzstäbchen sauber herauskommt.
- Den Kuchen etwas abkühlen lassen, dann aus der Form nehmen.
- In Scheiben schneiden und – typisch walisisch – mit Butter servieren.
Bara Brith – Variationstipp
Für eine Variante näher am traditionellen Bara Brith:
- Weiche die Trockenfrüchte über Nacht in starkem Schwarztee ein (z. B. Assam oder Earl Grey).
- Reduziere dann die Milchmenge im Rezept auf etwa 60 ml.
Das ergibt einen besonders saftigen, aromatischen Kuchen mit einem Hauch von malziger Tiefe.
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