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Fashion beyond Reality – Eine Teeparty im Wunderland

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Modenschau und Tea Party
Fashion Show Käthe Kollwitz Schule Offenbach, Teaparty im Wunderland, Bild: © Sieglinde Fiala

Es gibt Momente, in denen man einen Raum betritt und sofort spürt: Hier hat jemand Magie gemacht. Genau so war es bei der diesjährigen Modenschau der angehenden Maßschneider*innen der Käthe-Kollwitz-Schule. Eine einstündige Reise in eine Welt jenseits der Wirklichkeit – und gleichzeitig ein überraschend britischer Abend – ganz in meinem Sinne also.

Denn, obwohl wir uns nicht in einer Londoner Kunsthochschule befanden, sondern mitten in Deutschland, vibrierte die Show voller Anspielungen an britische Literatur, Filmwelten und klassische Fantasie-Universen, wie man sie in England seit Jahrhunderten kultiviert. Ein bisschen Bridgerton, ein Hauch Shakespeare, ein Spritzer „A Midsummer Night’s Dream“, dazu die Düsterromantik britischer Vampirtraditionen – und über allem eine Teeparty, der selbst der Hutmacher applaudiert hätte.

Wenn Schüler eine Fantasiewelt erschaffen – und zwar komplett selbst

Modenschau Käthe Kollwitz Schule Offenbach
Fashion Show Käthe Kollwitz Schule Offenbach, Teaparty im Wunderland, Bild: © Sieglinde Fiala

Die Bühne war weder Bühne noch Laufsteg – zumindest nicht am Anfang. Ein großer Saal, säulenbestückt, brandschutzoptimiert und so gar nicht modenschau-kompatibel. Doch die Schüler*innen verwandelten diesen Raum in ihr eigenes Wunderland. Konzept, Musik, Choreografie, Moderationstexte, Kostüme, Hairstyles – alles erdacht, entworfen, genäht, zusammengesetzt in 1,5 Jahren intensiver Arbeit.

Diese Entschlossenheit erinnerte mich fast an die traditionellen britischen Kostümwerkstätten, in denen die Bühnenwelten für das Royal Shakespeare Company entstehen: viel Improvisationstalent, geschickte Hände und der unbeirrbare Wille, die Fantasie lebendig werden zu lassen.

Alice im Wunderland – aber bitte mit britischem Flair

Den Auftakt bildete – natürlich – eine Teeparty im Wunderland. Ein Thema, das für meinen Blog gar nicht besser hätte sein können. Und ja, Lewis Carroll (Alice im Wunderland) hätte seine Freude gehabt.

Zwischen magischen Waldkreaturen – die sehr gut in Shakespeares Sommernachtstraum gepasst hätten – servierte „Alice“ gleich mehrere Überraschungen: zarte Stoffe, die beim Gehen wirkten wie flüchtige Gedanken, Farben, die zwischen Teerose und Morgentau changierten, und Schnitte, die ein bisschen Regency-Drama in sich trugen. Ich musste unweigerlich an die opulenten Szenerien von Bridgerton denken – diese Mischung aus Romantik, Extravaganz und Märchenhaftigkeit.

Von Sirenen und Meeresschönheiten

Die ozeanischen Kostüme trugen die Stimmung britischer Küstengeschichten in sich – man denke an Cornwall, an alte Legenden über Meerjungfrauen, die Seeleute ins Verderben singen. Weiß- und Graublautöne, die wie salzige Gischt wirkten, sirenengleich funkelnde Stoffe und Bewegungen, die an die Brandung erinnerten. Ein bisschen „Pirates of the Caribbean“ (britisch genug durch den Cast!) durfte mitschwingen.

Die Sirenen bewachten das „Herz des Ozeans“, und ich gebe zu: ich musste lächeln, denn es hatte fast etwas von einer Modenschau-Hommage an die maritime Mythensammlung Großbritanniens.

Vampire – britisch, charmant und leicht verhängnisvoll

Vampire haben in England Tradition – spätestens seit Bram Stokers „Dracula“. Diese Inszenierung der Schüler wirkte deshalb fast wie ein Zitat aus der viktorianischen Gothic-Literatur: elegante Silhouetten, gedeckte Farben, präzise gesetzte Details. Besonders entzückte mich ein Vampir im rosa Hemd und Anwaltsoutfit – eine Mischung aus düsterer Versuchung und ironischem Augenzwinkern. Etwas, das auch auf einer britischen Theaterbühne funktionieren würde.

Magier, Feen und Waldwesen – Shakespeare lässt grüßen

Waldgeister mit grünem Tüll und schimmernden Stoffen, gute zartbetuchte Feen in hellblauem Licht und lilafarbene Magier mit bestickten Umhängen: Es war, als hätten die Schüler einmal tief in „A Midsummer Night’s Dream“ gegriffen und die Charaktere durch eine moderne Fantasy-Serie geschleust. Ein Bild, das zwischen klassischem britischem Theater und Netflix-Fantasy balancierte – und genau dadurch so erfrischend wirkte.

Ein britisch-deutsches Wunderland

Teeparty Fashion Show
Teeparty im Wunderland, Fashion Show Käthe Kollwitz Schule

Was mich besonders bewegte: Die Show war nicht einfach eine Ansammlung von Outfits. Sie war ein erzähltes Gesamtkunstwerk. Zwischen den Laufsteg-Szenen gaben drei Moderatoren die Hintergrundgeschichten preis – wie bei einer BBC-Dokumentation über Kostümdesign, nur mit mehr Herzblut und einer gehörigen Portion Schülerkreativität.

Dazu das gedruckte Notizbuch, gefüllt mit Moodboards (die bei britischen Designstudierenden Standard sind), Produktionsfotos und kleinen Einblicken in die Entstehung der Kostüme.

Es fühlte sich an wie ein „Behind the Scenes“ eines Londoner Theaterhauses – nur eben geschaffen von jungen Menschen, die gerade in ihr Berufsleben starten.

Fazit: Eine Revue voller britischer Fantasie

Von der ersten Sekunde an war die Show professionell, emotional und – ganz ehrlich – absolut Gänsehaut-würdig. Das Publikum wurde für eine Stunde aus der Realität gerissen und in ein britisch angehauchtes Fantasiereich entführt: Tea Time trifft Theater, Mode trifft Mythos, Handwerk trifft Herzblut.

Für mich war es die vielleicht britischste Modenschau außerhalb Großbritanniens – und ein inspirierender Beweis dafür, wie junge Kreative aus Deutschland den Geist der großen Inselwelten einfangen können: mit Mut, Leidenschaft und einer bis ins Detail durchdachten Vision.

Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Reise durch ihr Wunderland

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