
Silber – und das schmutzige Geschäft mit dem Rausch
Als im 18. und 19. Jahrhundert chinesischer Tee die europäischen Teetassen eroberte und Seide sowie Porzellan heiß begehrt waren, geriet das Britische Empire in eine unangenehme Schieflage. China hatte wenig Interesse an britischen Waren und wollte für seine Exporte vor allem eines: Silber. Das Handelsdefizit wuchs, Londons Kassen litten – und man suchte fieberhaft nach einer Lösung. Fündig wurde man bei einer Ware, die in China offiziell verboten war, deren Wirkung aber umso stärker: Opium. Was als ökonomischer Ausweg begann, entwickelte sich schnell zu einem globalen Machtspiel, das Millionen indischer Bauern, ebenso viele chinesische Konsumenten und ganze Regionen in Abhängigkeit stürzte.
Indien: Die Mohnfelder des Empire

Das East India Company-Monopol. Beherrschung des Rauschgiftmarktes
Ab 1773 übernahm die East India Company (EIC) das vollständige Opium-Monopol in Bengalen. Spätestens mit der Einführung des sogenannten Agency Systems im Jahr 1797 wurde daraus ein perfekt durchorganisiertes Zwangssystem: Bauern erhielten Vorschüsse, mussten genau festgelegte Flächen mit Mohn bepflanzen und ihre gesamte Ernte ausschließlich an die Kolonialbehörden abliefern. Wer sich widersetzte, bekam die Macht des Empire zu spüren. Für viele ländliche Haushalte hatte das fatale Folgen, denn Felder für Reis oder Weizen wurden knapper, Nahrung teurer und die Abhängigkeit größer.
Millionen Bauern im Würgegriff
Zeitweise standen über eine Million bengalische Bauern unter Vertrag. Opium war dabei kein Randprodukt, sondern ein zentraler Pfeiler der Kolonialökonomie: Es machte stellenweise mehr als 15 Prozent der Staatseinnahmen Britisch-Indiens aus und bis zu ein Drittel der Exporte. In vielen Regionen verdrängte der Mohnanbau den Lebensmittelanbau fast vollständig. Die sozialen Folgen waren verheerend – Hungersnöte, Verschuldung und eine dauerhafte wirtschaftliche Abhängigkeit prägten den Alltag ganzer Landstriche.
Opium, vom Heilmittel zum Massenrausch
China hatte den Import von Opium mehrfach verboten, zuletzt 1799. Doch Verbote hielten den Strom nicht auf – im Gegenteil. Die importierten Mengen explodierten: von wenigen Hundert Kisten im 18. Jahrhundert auf rund 40.000 Kisten im Jahr 1838. Jede einzelne wog etwa 63,5 Kilogramm. Zusammengerechnet ergibt das gigantische Mengen, die jährlich ins Land gelangten und aus einer medizinischen Substanz ein gesellschaftliches Massenproblem machten.

Opiumschmuggel als britisches Geschäftsmodell
Um sich offiziell die Hände sauber zu halten, verkaufte die East India Company das Opium nicht direkt nach China. Stattdessen wurde es in Kalkutta versteigert, wo private Händler zuschlugen und die Ware anschließend an die chinesische Küste schmuggelten. Dort übernahmen chinesische Zwischenhändler den Weiterverkauf – mit satten Gewinnen. Mit diesem Geld kauften britische Händler wiederum Tee, der in England mit noch höheren Profiten verkauft wurde. Eine perfekt geölte Gewinnmaschine für die EIC, private Händler und Schmuggler. Verlierer waren fast ausschließlich die Chinesen: Silber floss massenhaft aus dem Land, und die wirtschaftliche Abhängigkeit nahm dramatisch zu.

Krieg um eine Droge
Der Erste Opiumkrieg (1839–1842)
Dem chinesischen Kaiserhof war der Opiumhandel längst ein Dorn im Auge. 1839 ließ der kaiserliche Beamte Lin Zexu in Kanton über 20.000 Kisten Opium beschlagnahmen und öffentlich zerstören. Londons Antwort kam prompt – und militärisch. Während britische Truppen an Land nur begrenzt effektiv waren, dominierten sie mit ihren modernen, kanonenbestückten Schiffen die See. Entlang der Küste wurden Hafenstädte belagert, Flussmündungen blockiert und der chinesische Binnenhandel nahezu lahmgelegt. Nach der Niederlage musste China im Vertrag von Nanjing Häfen öffnen und Hongkong abtreten. Dort errichteten die Briten einen Außenhandelsposten, öffneten weitere Häfen und lockerten Handelsbeschränkungen – nur beim Opiumverbot blieb China zunächst standhaft.
Der Zweite Opiumkrieg (1856–1860)

Der Zweite Opiumkrieg macht deutlich, wie rücksichtslos Machtpolitik im 19. Jahrhundert funktionierte. Großbritannien, später unterstützt von Frankreich, wollte den Opiumhandel endgültig absichern und setzte dabei auf militärische Gewalt und diplomatischen Druck. Unter dem Vorwand kleiner Zwischenfälle marschierten westliche Truppen in chinesische Städte ein und zwangen dem Kaiserreich weitere ungleiche Verträge auf. Häfen wurden geöffnet, Handelsrechte ausgeweitet und ausländische Mächte erhielten massive Sonderprivilegien. Für China bedeutete das einen weiteren Verlust an Souveränität und internationalem Ansehen. Rückblickend wirkt dieser Krieg weniger wie ein klassischer Konflikt, sondern eher wie ein brutal durchgesetztes Geschäftsmodell.

Hongkong als britischer Opiumhafen
Hongkong wurde nicht zufällig zum Zentrum des Opiumhandels. Der Tiefwasserhafen war ideal für große Handelsschiffe und lag strategisch perfekt vor der chinesischen Küste. Britische Handelsfirmen wie Jardine Matheson nutzten die Stadt als Umschlagplatz, Lager und Finanzzentrum zugleich. Die Kolonialregierung schaute nicht nur weg, sondern verdiente kräftig mit: durch Monopollizenzen, Abgaben und Steuern auf den Opiumhandel. Das Geld floss sowohl in private Gewinne als auch in den Ausbau der Kolonie. Für China war Hongkong damit weniger eine gewöhnliche Hafenstadt als ein dauerhaftes Einfallstor für Drogen, wirtschaftlichen Druck und fremde Machtinteressen.

Das Ende einer Ära
Mit der Shanghai Opiumkonferenz von 1909 begann ein vorsichtiger Kurswechsel. Erstmals versuchten Staaten gemeinsam, den internationalen Drogenhandel zu regulieren. Vor allem die USA drängten auf Einschränkungen, während ehemalige Profiteure wie Großbritannien nur widerwillig mitzogen. Die Haager Opiumkonvention von 1912 machte den Handel schließlich völkerrechtlich kontrollierbar und verpflichtete die Unterzeichnerstaaten zu staatlichen Eingriffen. Damit endete offiziell eine Epoche, in der Opium ein akzeptiertes Instrument imperialer Wirtschaftspolitik war. In der Praxis dauerte es jedoch Jahre, bis die Maßnahmen Wirkung zeigten. Für China kam diese Wende tragisch spät – Abhängigkeit, soziale Verwerfungen und wirtschaftliche Schwächung hatten längst tiefe Spuren hinterlassen.
In Kürze
Die britische Kolonialmacht errichtete in Indien ein staatlich organisiertes Opium-Monopolsystem, schmuggelte die Droge in großem Stil nach China, kippte dort Handelsbilanzen, löste zwei Kriege aus und machte Hongkong zur lukrativen Drehscheibe des Empire, bis internationale Abkommen ab 1909 das System langsam eindämmten.
Fazit: Ein Imperium im Rausch der Macht
Der britische Opiumhandel war kein Randthema kolonialer Geschichte, sondern ihr treibender Motor. Indiens Mohnfelder, Hongkongs Docks und Chinas Opiumhöhlen erzählen gemeinsam von einem Imperium, das wirtschaftliche Interessen mit militärischer Macht durchsetzte – und dabei menschliches Leid in Kauf nahm. Es ist die Geschichte eines globalen Handelsnetzes, das Wohlstand auf der einen und Zerstörung auf der anderen Seite schuf.
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