
Was haben ein schwarzer Hund, eine Kutsche aus Menschenknochen, ein viktorianischer Schauerroman und ein Cream Tea gemeinsam?
Sie alle passen erstaunlich gut nach Dartmoor.Wer Dartmoor bisher vor allem als Wanderparadies mit weiten Heideflächen, Granitfelsen und gelegentlichen Regenschauern kennt, sollte im Herbst einmal die Perspektive wechseln. Denn sobald die Tage kürzer werden, der Nebel über die Moorlandschaft zieht und die Schatten länger werden, zeigt Dartmoor eine andere Seite.
Eine ziemlich literarische sogar.
Und spätestens Ende Oktober ist die Frage erlaubt: Was wäre Halloween ohne ein bisschen Gothic? Dafür muss man nicht unbedingt nach Transsilvanien reisen. Ein Ausflug nach Devon reicht völlig.
Tavistock: Wo Gothic Geschichte hat
Am westlichen Rand Dartmoors liegt Tavistock, eine hübsche historische Marktstadt, die auf den ersten Blick eher nach Cream Tea, Antiquitätenläden und gemütlichem Bummel aussieht als nach Schauerroman.
Doch Tavistock hat eine ausgesprochen gotische Vergangenheit. Eine Woche im Oktober stand hier einmal ganz unter dem Motto „Going Gothic“ – und plötzlich wurde sichtbar, was sonst leicht übersehen wird: Die Stadt und ihre Umgebung besitzen alles, was das Gothic-Herz begehrt. Alte Gemäuer, Kirchen, Legenden, Friedhöfe, geheimnisvolle Landschaften und eine erstaunliche Verbindung zur englischen Schauerliteratur.
Die Überreste der Tavistock Abbey, die im 10. Jahrhundert gegründet wurde, erinnern an die mittelalterliche Vergangenheit des Ortes. Dazu kommen Gebäude des viktorianischen Zeitalters und der Neugotik, darunter die Town Hall, das Bedford Hotel und das traditionsreiche Mount Kelly.

Man könnte sagen: Tavistock hat die passende Kulisse bereits eingebaut. Man muss sie nur bei etwas schlechterem Wetter betrachten.
Lady Howard und die Kutsche aus Knochen
Noch interessanter wird es hinter den Fassaden. Da wäre zum Beispiel Lady Howard, eine der bekanntesten Geistergestalten von Tavistock. Der Überlieferung zufolge erscheint die geheimnisvolle Lady nachts mit einer Kutsche, begleitet von einem schwarzen Hund. Besonders makaber wird die Geschichte bei der Beschreibung ihrer Kutsche: Sie soll aus den Knochen ihrer verstorbenen Ehemänner gefertigt worden sein.

Nun könnte man diese Geschichte als ziemlich übertriebene viktorianische Fantasie abtun. Aber genau das ist der Punkt.
Gothic lebt von der Mischung aus Landschaft, Geschichte, Überlieferung und einem kleinen Rest Unsicherheit. Was davon stimmt? Was wurde im Laufe der Zeit ausgeschmückt? Und warum hält sich eine solche Geschichte überhaupt über Generationen? Gerade diese Fragen machen die alten Legenden interessanter als ein gewöhnlicher Horrorfilm.
Kobolde, Bergleute und die Geschichten des Moors
Dartmoor besitzt eine besonders reiche Tradition von Sagen und Volksgeschichten. Da gibt es die Pixies, kleine übernatürliche Wesen, die in Devon tief in der Folklore verwurzelt sind. Dazu kommen Geschichten über Bergleute, einsame Moorwege, verlassene Minen und Gestalten, die angeblich bei Nacht lieber nicht gestört werden möchten. Das Moor ist dafür die perfekte Bühne.

Denn anders als ein künstlich gebautes Horror-Set muss Dartmoor nichts inszenieren. Ein plötzlich aufziehender Nebel genügt. Ein einsamer Tor steht im Gegenlicht. Ein Rabe krächzt irgendwo hinter einer Steinmauer. Und schon beginnt die Fantasie, den Rest zu erledigen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Dartmoor Schriftsteller seit Jahrhunderten fasziniert.
Anna Eliza Bray – eine Frau sammelt die Legenden des Westens
Eine der frühen literarischen Stimmen der Region war Anna Eliza Bray (1790–1883). Sie lebte in der Gegend von Tavistock und interessierte sich intensiv für die Geschichte, Folklore und mündlichen Überlieferungen Devons. Sie sammelte Geschichten über das westenglische Land, seine Menschen und seine alten Bräuche und machte daraus Literatur.

Ihr Werk „The Borders of the Tamar and Tavy“ und andere Schriften trugen dazu bei, die Geschichten und Legenden der Region einem größeren Publikum bekannt zu machen. Besonders spannend ist dabei die Verbindung zwischen Landschaft und Erzählung.
Dartmoor ist bei Bray nicht bloß Hintergrund. Das Moor selbst wird beinahe zu einer handelnden Figur. Und genau diese Vorstellung kennen wir heute noch aus vielen Gothic-Romanen: Eine Landschaft kann freundlich sein – oder plötzlich unheimlich werden.
Sabine Baring-Gould und der Weg zu Dracula
Noch einen Schritt weiter führt uns Sabine Baring-Gould.
Der Geistliche, Schriftsteller und Folklorist lebte in Devon und beschäftigte sich intensiv mit den Sagen und Traditionen der Region. Heute ist er vielleicht vor allem durch das Kirchenlied „Onward, Christian Soldiers“ bekannt. Für Halloween interessanter ist allerdings seine Gothic-Erzählung „Margery of Quether“ aus dem Jahr 1884.

Die Geschichte beginnt an Weihnachten und führt unter anderem zur spektakulär gelegenen Kirche St Michael de Rupe auf dem Brent Tor. Schon der Ort selbst scheint aus einem Gothic-Roman herausgefallen zu sein: Eine kleine Kirche steht hoch oben auf einem markanten Felsen über der Landschaft. Der Geistliche James Younge beschrieb den Brent Tor bereits im 17. Jahrhundert als einen Ort, der dem Himmel besonders nahe sei.

Man muss nicht viel Fantasie besitzen, um sich vorzustellen, warum ein solcher Schauplatz Schriftsteller inspirierte.
Und dann kommt Dracula ins Spiel
Besonders reizvoll ist die literarische Spur, die von Baring-Gould zu Bram Stokers „Dracula“ führt. Immer wieder wurde vermutet, dass „Margery of Quether“ Stoker bei der Entwicklung seines berühmten Vampirromans beeinflusst haben könnte. Ob sich diese Verbindung tatsächlich beweisen lässt, ist allerdings eine andere Frage.

Und vielleicht ist gerade das typisch Gothic:
Eine Geschichte muss nicht hundertprozentig wahr sein, um faszinierend zu sein.
Dartmoor – eine Landschaft mit eingebautem Gothic-Effekt
Wer heute durch Dartmoor wandert, versteht schnell, warum diese Landschaft Schriftsteller und Geschichtenerzähler anzieht. Das Licht verändert sich ständig. Nebel kann innerhalb weniger Minuten aufziehen. Granitfelsen stehen wie uralte Wächter in der Landschaft, und zwischen den offenen Moorflächen liegen plötzlich kleine Kirchen, Friedhöfe oder die Ruinen alter Gebäude.
Besonders eindrucksvoll ist der Brent Tor.

Und dann sind da natürlich die Nebeltage. Dartmoor ist berüchtigt für Wetterwechsel und schlechte Sicht. Wer sich bei Nebel auf dem Moor bewegt, kann innerhalb kürzester Zeit die Orientierung verlieren. Wege verschwimmen, vertraute Felsen sehen plötzlich anders aus und selbst Entfernungen lassen sich kaum noch einschätzen.
Wer wissen möchte, wie schnell aus einer Wanderung ein kleines Abenteuer werden kann, sollte auch meinen Beitrag „Die Nebel Dartmoors – auch uns hielten sie gefangen“ lesen.
Denn eines ist sicher:
Auf Dartmoor braucht man für eine gute Gruselgeschichte nicht einmal einen Geist.
Ein Kompass reicht.
Und was hat Sherlock Holmes damit zu tun?
Eine Halloween-Geschichte über Dartmoor wäre natürlich nicht vollständig ohne den berühmtesten Hund der englischen Literaturgeschichte. The Hound of the Baskervilles. Arthur Conan Doyles Roman von 1902 machte das düstere Dartmoor international zum literarischen Schauplatz des Grauens. Ein einsames Herrenhaus. Eine uralte Familienlegende. Ein geheimnisvoller schwarzer Hund. Nebel über dem Moor. Man könnte beinahe meinen, Conan Doyle habe sich beim Schreiben die Frage gestellt:
„Was fehlt dieser Landschaft eigentlich noch?“
Die Antwort war offenbar: ein übernatürlicher Hund. Dabei spielt gerade das Spannungsverhältnis zwischen rationaler Erklärung und übernatürlichem Mythos eine wichtige Rolle. Sherlock Holmes ist schließlich der Mann, der selbst den unheimlichsten Fall mit Logik lösen möchte.

Dartmoor dagegen liefert ihm die perfekte Gegenwelt: eine Landschaft, in der sich Vernunft und Aberglaube begegnen. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz der Geschichte bis heute.
Gothic muss übrigens nicht immer blutrünstig sein
Das ist eine der angenehmen Seiten der britischen Gothic-Tradition. Sie kann düster sein, ohne plump zu werden. Es geht um alte Häuser, Familiengeheimnisse, verdrängte Vergangenheit, Landschaften, die Erinnerungen zu bewahren scheinen – und natürlich um die Frage, was wir Menschen eigentlich glauben wollen. Das macht Gothic-Literatur für Erwachsene durchaus interessanter als eine Aneinanderreihung von Schockeffekten.
Mary Shelley, Ann Radcliffe, Bram Stoker, Daphne du Maurier oder Shirley Jackson zeigen ganz unterschiedliche Spielarten des Genres.
Und Dartmoor passt erstaunlich gut in diese Tradition.
„Go Gothic“ in Tavistock
Während der Gothic Week in Tavistock wurde genau diese Verbindung zwischen Geschichte, Literatur, Landschaft und Folklore zum Programm. Die örtliche Bibliothek stellte ein ausgesprochen abwechslungsreiches Programm zusammen. Auf dem Programm standen unter anderem Gothic Ghost Walks, bei denen man anschließend bei einem typisch devonischen Cream Tea wieder auf den Boden der Realität zurückkehren konnte.

Eine Kombination, die ich persönlich für ausgesprochen britisch halte: erst Gänsehaut, dann Clotted Cream.

Dazu kamen Lesungen und Gespräche mit Gothic-Autorinnen wie Catriona Ward, bekannt unter anderem für „Rawblood“ und „Little Eve“, sowie Workshops und Vorträge über die Entwicklung der Gothic-Kultur.

Besonders spannend war der Blick auf die Landschaft selbst: Wie entsteht eigentlich eine „gothic landscape“?
Warum wirkt ein bestimmtes Gebäude unheimlich?
Warum erscheinen manche Landschaften bei Nebel plötzlich bedrohlich?
Und warum erzählen Menschen seit Jahrhunderten Geschichten von Geistern, Kobolden und übernatürlichen Wesen?
Der Dartmoor Highwayman
Nicht ganz so akademisch, aber dafür mit einer guten Portion britischem Humor ging es bei dem Theaterstück „The Dartmoor Highwayman“ zu. Aufgeführt wurde es von der örtlichen Laienspielgruppe The Edge. Denn auch das gehört zum britischen Umgang mit dem Unheimlichen: Man darf sich ruhig ein bisschen gruseln – aber bitte nicht ohne Humor. Vielleicht ist das überhaupt eine gute Haltung für Halloween. Man darf Angst haben. Man darf sich erschrecken.
Aber man sollte dabei immer noch Gelegenheit für ein Gothic Dinner während des Theaterstücks haben.


Bild: © Sieglinde Fiala
Halloween auf britische Art
Wer Dartmoor im Oktober besucht, braucht ganz bestimmt keine Halloween-Party mit Plastikspinnen und Kürbislaternen.
Die Landschaft liefert die passende Atmosphäre bereits frei Haus.
Ein Spaziergang bei Dämmerung.
Ein alter Friedhof.
Die Silhouette eines Tors im Nebel.
Eine Geschichte über einen ruhelosen Geist.
Und später ein Pint Ale oder ein Cream Tea in einem warmen Pub.
Das ist vielleicht die angenehmere – und literarisch anspruchsvollere – Variante von Halloween.
Denn der eigentliche Reiz des Gothic liegt nicht im Schrecken allein. Er liegt in dem kleinen Moment, in dem man sich fragt:
„Und wenn es doch wahr wäre?“
Dartmoor im Herbst: ein kleiner Gothic-Reiseführer
Wer sich auf die dunklere Seite Dartmoors einlassen möchte, kann einige besonders passende Orte auf die persönliche Halloween-Liste setzen:
- Brent Tor – wegen der spektakulären Kirche St Michael de Rupe und der Atmosphäre der hochgelegenen Landschaft.
- Tavistock – wegen der Abbey, der historischen Gebäude, der Legenden und der Verbindung zur Gothic-Literatur.
- Dartmoor bei Nebel – selbstverständlich nur mit entsprechender Vorbereitung und Orientierung. Das Moor ist kein Ort für romantische Selbstüberschätzung.
- Die Schauplätze von „The Hound of the Baskervilles“ – für alle, die Literatur und Landschaft miteinander verbinden möchten.
- Und natürlich ein guter Pub am Ende des Tages.

Denn auch die düsterste Wanderung endet in Devon idealerweise mit etwas Warmem zu essen.
Oder, noch besser: mit einem Cream Tea.

Vielleicht ist das die eigentliche britische Kunst des Gruselns
Man schaut in den Nebel, hört irgendwo einen Hund bellen, denkt kurz an Sherlock Holmes und Lady Howard – und geht dann hinein, bestellt Tee und tut so, als wäre überhaupt nichts gewesen.
Happy Halloween – und keep your compass handy!































