Start Reisen Eisaxt und Partyhütchen – oder was Schotten unter Romantik verstehen.

Eisaxt und Partyhütchen – oder was Schotten unter Romantik verstehen.

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Silvester in den schottischen Highlands. Offenes Kaminfeuer mit Socken zum Trocknen davor
Silvester in den Highlands

Autor David Müssemann

Silvester in den schottischen Highlands

Pure Einsamkeit und Romantik zu zweit, abgeschnitten von der Welt. Gemütlich vor einem knisternden Feuer zwischen den zugeschneiten Highlands umgeben von wildem Schneegestöber und vielleicht sogar Nordlichtern. Keine Bass basierte, überteuerte Proleten Party zwischen besoffenen Minderjährigen auf den zugigen Straßen Edinburghs. Liebevoll zubereitetes Essen über dem offenen Feuer, köstlich dampfend in rustikalem Charme einer Berghütte anstatt kalter Bratwurst für zehn Pfund auf einer Ketchup getränkten Serviette. Kerzenlicht und tanzende Schatten von züngelnden Flammen im Kamin eingetauscht gegen Millionen Tonnen Schadstoffe, die mit ohrenbetäubendem Lärm in den Himmel geschossen werden.

Silvester in den schottischen Highlands. Mountain Boothy / Berghütte in der Ferne, Wanderpfad neben Bachlauf durch die Munros
Die Berghütte verspricht Zweisamkeit und Romantik am Silvesterabend.

Angekommen, wurden wir von weniger romantischem Schneeregen liebevoll in Empfang genommen und stapften über die aufgeweichten Kuhpfade in Richtung Bein Dearg, einem Munro, also über neunhundert Meter hoch, und einer von 282 dieser in Schottland verstreuten Bergkuppen.
Schon auf den ersten Metern der ungefähr zwanzig Kilometer langen Tour trafen wir ein gut ausgerüstetes Trio. Mit deren glänzend neuer Eisaxt, Steigeisen und professionellstem Equipment konnten wir nicht wirklich mithalten. Aber nun gut, dafür würde diese Gruppe sicherlich nicht in unserer Berghütte übernachten, viel zu langweilig. Lediglich das kurze, alternativlos und selbstverständlich betonte “see ya there mates” ließ uns stutzen, bevor wir sie aus den Augen verloren.
Bereits nach kürzester Zeit umgaben uns die hügeligen Highlands, der Schneeregen hatte wieder aufgehört und es wurde merklich kälter. Die mit Heidegras überwachsenen, braun und rötlichen Berge wirkten surreal unter dem verhangenen Winterhimmel und vor diesem Hintergrund nach Futter suchende Rehe kündigten die Zweisamkeit und Romantik des Silvesterabends allein in den schottischen Bergen an.

Zehn Kilo Kohle, Winterschlafsäcke und Klopapier

So in der Art oder unter Umständen auch minimal mit weniger verkitschter, Rosamunde Pilcher Romantik, hatten Lea und ich uns das ausgemalt, während wir voller Vorfreude unsere Rucksäcke für Silvester auf dem Beinn Dearg in Schottland packten.
Zehn Kilo Kohle, Gaskocher, Stirnlampen, Winterschlafsäcke und Klopapier. Zunächst gar nicht so romantisch wie gedacht. Also gut – dann eben noch zwei massive Kirchenkerzen und etwas Rotwein. Das musste schon reichen. Wer nimmt schon Silvester Deko mit auf so eine Wanderung?
Alle sieben Sachen dabei, machten wir uns von kaltem Wind getrieben auf zum Bahnhof und stiegen in den ungewöhnlich vollen Zug, der uns direkt zum Nabel der Welt, der weltbekannten Metropole Blair Atholl bringen sollte. Wikipedia verzeichnet für das Dorf keine Einwohner, was schon für sich spricht, aber wir schätzen, dass es vielleicht zweitausend Einwohner sein mochten – inklusive der eintausend fünfhundert Schafe und anderem Vieh in den umliegenden Bergen.

Silvester in den schottischen Highlands. Verschneiter Wanderweg zu der Berghütte
Das Mountain Boothy wartet darauf, beheizt zu werden.

Auch im Bivy Bag kann es im Schnee kuschelig sein.

Ein paar Kilometer vor der Mountain Boothy, einer unbewirtschafteten Berghütte, die wir ansteuerten, in der wir diesen ruhigen Abend und das neue Jahr verbringen wollten, holten wir noch die am Anfang der Tour getroffenen Eisäxtlerinnen ein. Sie würden wohl sicher nur eine kleine Pause an unserer Oase der Zweisamkeit machen, bevor sie noch vor dem Afternoon Tea weitere siebzehn Gipfel bestiegen, um dann im Schnee eingebuddelt Wurzeln zu essen. Merkwürdigerweise packten sie stattdessen zahlreiche Gasflaschen, Töpfe und Girlanden aus während sich einer der drei tatsächlich draußen im mittlerweile zugeschneiten Gras sein Bivy Bag, einen besseren Überlebensplastiksack, einrichtete. Wir würden also doch eine kleine Runde sein, aber das ist ja in Ordnung, die Eisäxtlerinnen hatten sicherlich spannende Geschichten auf Lager, und alle würden in den kleinen geheizten Raum passen, dachten wir uns.

Silvester in den schottischen Highlands. Verschneiter Platz vor der Berghütte mit Bivy Bag im Schnee
Schotten schlafen auch schon mal im Bivy Bag im Schnee, wenn die Hütte zu voll ist.

Tee kochen im eisigen Wind und gefrorene Äpfel

Nur Minuten später hörten wir Fußstapfen vor dem mittlerweile warmen Häuschen. Sicherlich zwei verirrte Wanderer, dachten wir uns, während sie durch die kleine Holztür eintraten und sich bei den Eisäxtler*innen mit “Cheers guys” für das Anheizen bedankten und wie selbstverständlich hinzufügten, dass sie sich mit den anderen vom Mountain Club dann für die Nacht auf dem Dachboden breitmachen würden. Bestimmt war es der dritten Eisaxt im Schnee im Bivy doch zu kalt, er würde reinkommen und als British Gentleman und Pionier aufgrund der Raumnot oben im Kalten auf dem Dachboden schlafen. Dass mit „die anderen vom Mountain Club“ der gesamte Club gemeint war, konnten wir nicht ahnen. Fröhlich plaudernd, Tee im minus Grade kalten Wind kochend und gefrorene Äpfel essend, fanden wir uns inmitten 10 bis 15 Bergsteigern wieder, die vor der Hütte ihre Schuhe auszogen.

Silvester in den schottischen Highlands. Bergsteiger hängen in der Hütte Lampinions und Lametta auf
Die Highlander hatten die komplette Partyausrüstung im Rucksack.

Partyhütchen und Lampinions gehören an Silvester in den Highlander Rucksack.

Etwas überrumpelt trauten wir unseren Augen kaum, als in wenigen Minuten routiniert Lampions, Lametta, Partyhütchen, Kränze und weitere Partydeko in der auf fünf Personen ausgelegten Hütte aufgehängt wurden. Mit so vielen Menschen und einem dauerhaften Feuer erreichten wir schnell T-Shirt Temperatur, obwohl draußen wildes Schneetreiben herrschte. Während uns ein älteres Pärchen überzeugt erzählte, dass sie anstatt Kinder zu bekommen lieber Bergsteigen wollten, alle 282 Munros bereits bestiegen hatten und jetzt von vorne anfingen, trudelten in einvernehmlicher britischer Selbstverständlichkeit immer mehr Menschen und Hunde in der winzigen Hütte ein – und das bis kurz vor Mitternacht, mitten im Nirgendwo, zwanzig Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, in dem es mehr Schafe als Menschen gab, zugeschneit in den Highlands, ohne Heizung. Aber Partyhütchen und Lametta hatte jeder dabei.

Für einen 20km „evening stroll“ im Schnee reicht es bei den Schotten immer.

In typischem Understatement erklärte ein Pärchen, das sieben Stunden nach Sonnenuntergang ankam, dass sie sich nach der Arbeit um 20.00 Uhr noch spontan entschlossen hätten, einen kleinen “evening stroll“ hierher zu unternehmen, um Silvester zu feiern. Es seien ja nur knapp zwanzig Kilometer und das Wetter “lovely”, während draußen der Sturm peitschte und der Mann sich kleine Eiskristalle aus dem Bart zupfte.

Silvester in den schottischen Highlands. 14 Personen in Mountain Boothy am Silvesterfeiern mit Partyhütchen
Raum ist in der kleinsten Hütte.

Gentleman like überließ man uns den Platz am Feuer

Mitternacht wurde schließlich stilecht mit “Auld Lang Syne” besungen, und wir stellten uns bereits darauf ein, bis morgens mit allen durchfeiern zu müssen, weil unser Schlafplatz im Hauptraum, also mitten in der Party, eingerichtet war. Doch auch hier ist der Schotte bzw. der Brite äußerst taktvoll. Obwohl mindestens noch drei, eher fünf weitere Personen hätten warm im befeuerten Hauptraum schlafen können, blieb es außer Frage, dass sich knapp zwanzig Leute lieber in den unbeheizten Dachboden zum Schlafen pferchten oder sogar draußen im Schnee einbuddelten, um uns, mit der todernsten Begründung, dass wir schließlich als erstes da waren, wie selbstverständlich zu zweit vor dem Feuer alleine schlafen ließen. Wo käme man denn sonst auch hin.

Silvester in den schottischen Highlands, Lea im Winterschlafsack auf der Ofenbank schlafend
Die schottischen Bergsteiger überließen uns den warmen Platz am Feuer.

Wir fanden also recht schnell eine Antwort auf unsere insgeheim bei der Planung gestellte Frage:
Wer wäre wohl so verrückt wie wir beide, an Silvester im tiefsten Winter, in einer nur mit Feuer beheizten Steinhütte weit ab der Zivilisation die Party Nacht des Jahres zu verbringen, um am ersten Januar im Schneesturm und Whiteout auf einen Berg zu steigen, dessen Name unaussprechlich ist?
Schotten – aber wenn dann bitte wie sich das gehört – mit Eisaxt…
…und Partyhütchen.
Cheers!

Silvester in den verschneiten schottischen Highlands. David Müssemann und Lea Bitter im Schnee dick winterlich eingepackt.
David Müssemann und Lea Bitter

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